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Jeanny O'Malley
Die Chroniken der Lichtkrieger - Legacy 2 Die dritte Generation - Band 2 Versuchung der Dunkelheit
Die Chroniken der Lichtkrieger - Legacy 2 Die dritte Generation - Band 2 Versuchung der Dunkelheit
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Der Vollmondmörder ist immer noch unentdeckt. Anscheinend führt er die Polizei und die Lichtkrieger an der Nase herum. Charleen hat die Theorie, dass es der Serienkiller gezielt auf die Lichtkrieger abgesehen hat. Es schreit nach einer Herausforderung.
Ist es möglich, dass der Killer die besonderen Fähigkeiten kennt?
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Prolog
Der Vollmondmörder hatte sich tief in sein Hirn gebrannt und ließ ihn nicht mehr ruhig schlafen. Vor dem Computer der Rechtsmedizin schaute David Harris erneut die Bilder der toten Frauen an, die dieser Serienkiller auf dem Gewissen hatte. Sie waren sich alle ähnlich. Die Statur, das Alter, die kurzen, dunklen Locken bis knapp über die Ohren und meistens blaue Augen. Zwar sollte er die Frauen nach ihrem Tod nur untersuchen und die Ergebnisse in den Computer eintragen, aber er wollte helfen. Die Ermittlungen wurden von seinen Kollegen der Mordkommission übernommen. Doch bisher haben sie ihre Arbeit nicht gut genug gemacht, denn der Mörder lief immer noch frei dort draußen herum. London war für solche Frauen kein sicheres Pflaster mehr. Außerdem wollte er bis zu seinem Ruhestand keine junge Frau mehr auf seinem Tisch liegen haben müssen. Doch bis dahin war es noch ein halbes Jahr und somit könnte er theoretisch mit weiteren sechs Leichen konfrontiert werden.
Ein erneuter Schluck aus seiner Kaffeetasse brachte ihn auch nicht voran. Er starrte die Fotos an. Bei jeder Frau wurde eine ihrer Locken abgeschnitten. Es handelte sich ganz klar um jemanden, der dieses Frauenbild aus irgendeinem Grund ablehnt. Mutterkomplex oder verschmähte Liebe. Anscheinend mochte er sich für etwas aus seiner Vergangenheit rächen. David wollte anhand seiner gesammelten Daten was herausfinden. Der Wunsch zu helfen und den Täter zu fassen hatte sich tief in seine Seele eingebrannt. Sofern ihm dies gelingen sollte, könnte er seinen Ruhestand wahrhaftig genießen und wüsste, dass Londons Straßen, zumindest bis zum nächsten irren Serienkiller, sicherer sein würden.
Seine Finger hielten den Kugelschreiber fest, mit denen er krakelig sämtliche Wörter aufschrieb. Sie zeigten keinen Zusammenhang, aber er hatte sich mal diesen Stil angeeignet, um auf Ideen zu kommen. Zahlreiche Autoren machten das so. In der Mitte steht ein Schlagwort. Zum Beispiel Frühling. Dann schreibt man das alles auf, was einem dazu einfällt. Hinterher stehen viele Wörter auf dem Zettel, woraus ein Gedicht, Kurzgeschichte oder sogar ein Roman entstehen könnte. Meistens schreiben die Leute automatisch und sehen erst hinterher, was alles dabei herumgekommen ist. Und genauso machte er es auch. In der Mitte stand Mörder. Daneben war Vollmond zu lesen. Dunkle Locken, blaue Augen, Messer, junge Frauen, schneller Stich und zudem, dass keine Fingerabdrücke zu finden waren. Irgendwie war das Ergebnis dürftig. Das wusste er schon ohne diesen Zettel. Normalerweise rückte immer noch ein bisschen aus seinem Unterbewusstsein durch diese Methode in den Vordergrund. Nur dieses Mal nicht. Genau das wurmte ihn.
David nahm sein Handy und wählte die Nummer seiner Frau. „Elaine! Ich mache heute etwas länger. Es tut mir leid Schatz, aber ich möchte diesen Mörder schnappen.“ verkündete er direkt, nachdem sie ihn begrüßt hatte. Somit wollte er zum Hauptgrund seines Anrufes kommen, denn für mehr hatte er keine Zeit. Irgendwie traurig oder vorwurfsvoll sagte sie: „Heute kommt doch Anne. Ich dachte, du bist pünktlich hier, damit wir sie gemeinsam begrüßen können.“ Mit einem Seufzen führte er die Maus auf den Speicherbutton und schaltete unmittelbar danach den Computer aus. Dabei meinte er: „Du hast recht. Familie ist wichtig. Und wer weiß, wie lange wir noch etwas vom Leben haben.“
Kapitel 1
Freudestrahlend kam Grace zu ihren Eltern ins Wohnzimmer und sagte stolz: „Geschafft. Ich habe die Geschichtsprüfung bestanden. Es hätte besser sein können, aber es reicht mir, dass ich nicht durchgefallen bin.“ „Das freut mich für dich. Du bist einen Schritt weiter auf dem Weg zu deinem Ziel.“ bemerkte ihre Mutter. Ihr Vater kam auf sie zu und meinte: „Serafina hat recht. Wenn du so weitermachst, kannst du bald studieren. Ich gratuliere dir.“ Daraufhin nahm er sie in den Arm und scherzte: „Patrick hat seine Sache gut gemacht. Das Geld war wirklich gut investiert.“
Anschließend machte sich Grace auf den Weg in ihr Zimmer und erwähnte: „Deine Mutter hat ebenso einen Teil daran gehabt. Vergiss das nicht.“ Ihr Handy vibrierte und sie sah darauf eine Nachricht von Patrick: „Hallo! Ich wollte mal fragen, wie deine Prüfung gelaufen ist.“ Hastig antwortete sie ihm: „Bestanden!“ „Das ist super. Darf ich dich dann heute Abend zur Feier des Tages ausführen? In London möchte ich mit dir etwas unternehmen. Es wird dir gefallen. Du brauchst aber kein Ballkleid. Alles völlig normal.“ schrieb er. Mit einem Grinsen tippte sie auf dem Display: „In Ordnung. Zur Feier des Tages werde ich mit dir ausgehen. Und ich freue mich, dass ich kein Kleid brauche.“
Zwei Stunden später klingelte es an der Türe und Grace rief: „Ich gehe schon. Das wird Patrick sein.“ Sie öffnete und sah ihn direkt vor sich stehen. Seine Haare waren zu einem Pferdeschwanz gebunden. Mal kein Dutt. Dazu trug er eine verwaschene Jeans und eine Lederjacke. Ihr lief das Wasser im Mund zusammen, denn er sah tatsächlich sexy aus. Mit einem Grinsen sagte er: „Da du ein Motorrad hast, wollte ich gerne mit dir darauf fahren. Sofern du Bock hast, mich auf dem Weg nach London hinter dir sitzen zu haben.“ „Natürlich. Aber ich muss meinen Opi um einen zweiten Helm bitten, denn ich habe nur meinen.“ erzählte sie aus dem Bauch heraus. Daraufhin drehte sie sich ins Haus um, griff nach ihrer Motorradjacke und verkündete: „Ich bin weg. Wartet nicht auf mich.“
Vor dem Eingang der Wohngemeinschaft klingelte Grace an der Türe. Patrick stand direkt hinter ihr. Daniel öffnete und sie fragte unverzüglich: „Ist Steve da?“ Dieser nickte und verschwand im Haus. Irgendwie sah er müde aus oder ein wenig grummelig. Patrick hakte leise nach: „Wieso nennst du deinen Opa Steve?“ Sofort rutschte ihr Herz in die Hose. Bevor sie ihm eine Lüge auftischen konnte, hörte sie im Inneren des Hauses die Stimme: „Hallo meine süße Enkelin!“ Patrick lächelte sie an, bis im Türrahmen ein junger blonder Engel mit kurzen Haaren und strahlend blauen Augen erschien. Grace schluckte einmal und fragte direkt: „Kann ich mir einen Helm für meinen Begleiter ausleihen? Wir wollen mit meiner Maschine nach London fahren.“ „Natürlich. Nimm Bellas Helm. Meinen brauche ich, sofern ein Notfall eintritt.“ sagte Steve und machte sich auf den Weg zur Garage.
Flüsternd wollte Patrick wissen: „Dein Opi? Warum sieht er so jung aus?“ Hastig log sie: „Er steht auf ältere Frauen und hat meine Oma geheiratet. Sie ist total begeistert, einen so jungen Hüpfer im Bett zu haben.“ Im Grunde war es nicht einmal eine Lüge. Ihre Oma war verdammt alt. Aber Steve ebenso. Demnach stand er auf ältere Frauen und sie auf sein junges Aussehen. Dass Bella auch noch so jung aussah, brauchte sie ihm nicht auf die Nase zu binden. Sie sollte zusehen, dass sie Patrick nach diesem Date loswird, bevor sie immer eine Ausrede finden musste. Zusätzlich, um Treffen an Vollmond zu vermeiden.
„Fahr vorsichtig meine Kleine!“ sagte Steve und zwinkerte ihr dabei zu. Grace umarmte ihn liebevoll und meinte leise: „Danke für den Helm. Grüße Oma von mir. Ich werde schon aufpassen.“ An ihrem Ohr scherzte er flüsternd: „Und nutzt Kondome!“ Sie grinste und dankte ihm mit einem leichten Kuss auf die Wange.
Auf dem Weg zu ihrem Motorrad fragte Grace: „Was genau hast du mit mir an diesem Abend vor?“ „Das verrate ich dir, sobald wir da sind.“ antwortete Patrick und ging neben ihr her. Kurz darauf wollte er wissen: „Warum hast du mich nicht mehr Aramis genannt? Magst du mich nun nicht mehr mit einem Kosenamen betiteln?“ Grace lächelte und erklärte: „Es war kein Kosename, da ich dich damit eher aufziehen mochte. Weißt du, am Anfang konnte ich dich nicht leiden. Mein Vater hatte die Nachhilfe bei dir arrangiert und alleine deshalb mochte ich dich nicht, als ich nicht einmal deinen Namen kannte. Aber du hast mir wirklich gut geholfen und inzwischen mag ich dich. Daher sollte ich dich nicht mehr so nennen.“ „Das ist mir egal. Ich fand es süß, dass du mich immer so genannt hast. Das vermisse ich nun wahrhaftig.“ bemerkte er und griff zu ihrer Hand. Hastig entzog sie ihm die Finger und meinte: „Wir sind da. Setze den Helm auf und ich starte meine Maschine.“
Sie wollte zunächst nicht den Abend ruinieren, bevor er nicht mal angefangen hatte. Deutlich hatte er ihr gesagt, dass er sie näher kennenlernen möchte. Und nun hatte sie ihm sogar mitgeteilt, dass sie ihn gern hatte. Doch nach Kuscheln war ihr bislang nicht zumute. Der Zeitpunkt nahte, sich von ihm zu trennen. Natürlich hatte sie ihn gerne und er sah gut aus. Trotzdem war sie nicht an einer längeren Beziehung mit ihm interessiert. Allerdings könnte er vielleicht doch der Erste sein, der mit ihr schlafen würde. Abgeneigt wäre sie auf jeden Fall nicht. Die Fahrt nach London wollte sie in aller Ruhe überlegen, wie weit sie nach dem Abend mit ihm gehen sollte. Was sie sagen könnte, sofern er erneut nach ihrer Hand greifen würde. Jedes Wort musste wohl überlegt sein. Oder war Handeln angesagt? Alles machen, wozu er bereit war? Eine Nacht reichte aus, um mit ihm Spaß zu haben und ohne in einen Lügensumpf gezogen zu werden.
Mit Schwung warf Grace ihr Bein über den Bock und sah zu, wie Patrick den Gummi seines Pferdeschwanzes von den Haaren abzog und sich diesen um das Handgelenk legte. Vermutlich drückte das sonst unter dem Helm. Lässig fächerte er die Haare ein wenig auseinander und setzte den Helm auf. Ihr kam es fast vor wie in einem Werbefilm für Shampoo. Schön die Haare präsentieren. Mit einem Lächeln, was er unter dem Helm nicht sehen konnte, startete sie ihre Maschine. Schließlich klappte sie das Visier hoch und fragte: „Bist du schon einmal mit einem Motorrad gefahren oder mitgefahren?“ „Ja. Ich bin im Bilde, was ich machen muss. Wir können somit sofort los.“ antwortete er und positionierte sich hinter ihr auf dem Bock. Sein Oberkörper lag auf einmal eng an ihrem Rücken und er umklammerte ihre Hüften. Schwer schluckte sie und hoffte, dass sie konzentriert genug fahren konnte. Die Nacht versprach heiß zu werden. Noch heißer als ihr bei dem Wetter ohnehin zumute war. Nur nicht den Kopf verlieren, auch wenn er so dicht an ihrem Körper lag. Sie musste die Nerven behalten. Nur auf die Straße achten und nicht auf ihn und seine Arme, die um sie geschlungen waren. Ansonsten könnten sie beide einen Unfall haben, was nicht in ihrem Interesse war.
Zum Glück erreichten sie sicher den Zielort. An einer Seitenstraße in London stellte Grace ihr Motorrad ab. Patrick zog den Helm aus, band sich erneut den Pferdeschwanz und bemerkte: „Du bist gut gefahren. Es hat mir gefallen.“ „Danke. Mein Opi hat es mir beigebracht. Seine Maschine bewacht er wie seine Frau.“ erklärte sie und fand es nicht mehr merkwürdig Steve so zu nennen, da sie ihrem Nachhilfestudenten bereits diese Lüge aufgetischt hatte. Patrick deutete auf eine Straßenseite und sagte: „Dorthin müssen wir. Dort erlebst du eine wundervolle Show mit mir und anschließend gehen wir tanzen.“ Grace blickte in die Richtung und sah über einem Eingang ein Schild hängen, auf dem „Benjamin der Gesandte“ stand. Sie lächelte und erzählte: „Ich kenne diesen Zauberer. Leider habe ich noch nicht seine Zauberkünste sehen können, aber ich kenne ihn mein Leben lang. Er ist ein paar Wochen nach mir geboren worden.“ „Wirklich? Dann wirst du ihm bestimmt assistieren wollen.“ meinte Patrick und schob sie auf den Eingang zu.
Das kleine Theater war gut gefüllt. Die Leute warteten gespannt auf die Zaubernummern von Benjamin. Grace begutachtete von sicherer Entfernung die Dekoration auf der Bühne. Viel war nicht zu sehen. Der Vorhang verdeckte den wichtigen Teil. Aber an den Seiten war eine Art Marterpfahl aufgestellt und auf der anderen Seite eine eiserne Jungfrau. Sie wusste, dass Benjamin gerne Risiken einging, was den Reiz seiner Show ausmachte.
Plötzlich schwankte das Licht und geheimnisvolle Musik drang aus den Lautsprechern. Grace bekam augenblicklich eine Gänsehaut und starrte auf die Bühne. Der Vorhang hob sich und dahinter war alles schwarz. Ein Knall und eine Rauchwolke gaben den Blick auf Benjamin frei. Es war so, als hätte er sich direkt auf die Bühne gezaubert. Schwungvoll zog er den schwarzen Umhang aus und begrüßte mit einer Verbeugung sein Publikum. Grace fand, dass er in dem Anzug sehr elegant und geheimnisvoll aussah. Wie immer hatte er die Haare seitlich in die Stirn gekämmt und an der anderen Seite kurz. Er lächelte nicht und sah sich mit einem wahnsinnigen Blick um, der ziemlich gut gespielt war. Dabei sagte er: „Mal sehen, wen ich mir heute als Opfer aussuche. Meldet sich eine Jungfrau freiwillig?“ Stille! Grace merkte, dass ihr Herz schneller schlug. Sie beabsichtigte nicht zuzugeben, dass sie noch eine war. Benjamins Augen glitten durch die Menge und er wollte wissen: „Gibt es denn eine nette Dame, die sich mir anbieten würde?“ Mit einem Mal hob Patrick die Hand und verkündete: „Meine entzückende Begleitung würde gerne nach vorne kommen.“ Grace rutschte im Sitz hinunter und fragte leise: „Spinnst du?“ Sofort sprang Benjamin von der Bühne herunter und kam auf sie zu. Ihr Platz befand sich zwar in der Mitte der Sitzreihen, aber die Leute machten dem Zauberer gerne einen Durchgang.
Beschämt schaute Grace zu Benjamin und erwähnte: „Ich möchte das nicht. Es war seine Idee.“ Hierbei zeigte sie auf Patrick. Kaum einen Wimpernschlag später wurde ihr eine Rose vor das Gesicht gezaubert. Verzückt nahm sie diese in die Finger und sah dabei in eisblaue Augen, die sie musterten. Benjamin verneigte sich höflich, legte seine Hand um ihre und sagte mit einer freundlichen Stimmlage: „Ich zwinge niemanden mit auf die Bühne zu kommen. Es ist deine Entscheidung. Dir wird nichts geschehen. Dafür sorge ich schon.“ Das klang so vertrauensvoll, dass Grace ihm tatsächlich folgte.
Auf der Bühne legte der Zauberkünstler seinen Umhang um die Schultern von Grace. Sie hatte keine Ahnung, warum er das machte. Dabei kam er von hinten ganz nah an sie heran. Sie konnte seinen Atem am Hinterkopf spüren. Sanft massierte er ihren Nacken und sagte in ruhigem Ton: „Vertrau mir. Egal was gleich passiert oder du hören wirst, sei versichert, dass dir nichts zustößt.“ Zuversichtlich nickte sie und wartete ab. Benjamin ließ sie dort in der Mitte stehen und ging zu dem Marterpfahl. Diesen hob er an und schob ihn hinter sie. Schließlich befestigte er diesen Balken an einer Maschine. Dabei erklärte er: „Es wird ihr gleich etwas schwindelig werden, aber hoffen wir, dass es das geringste ihrer Probleme bleibt. Abgetrennte Körperteile sind nicht so erstrebenswert.“ Die Menge lachte teilweise und die anderen atmeten vor Spannung auf. Schließlich nahm der Zauberer ihr den Umhang ab und machte sie an ihren Knöcheln mit Fußfesseln an dem Pfahl fest. Anschließend hob er ihre Arme nach hinten, um dort ihre Handgelenke festzuschnallen. Dabei fuhr er sanft über ihre Haut und es fühlte sich ziemlich gut an. Grace blickte ihm in die Augen und verlor sich darin. Dieser Mann war sehr charismatisch und vor allen Dingen sah er für ihren Geschmack extrem gut aus. Warum war ihr das vorher nicht aufgefallen? Wahrscheinlich, weil er nun eine Rolle spielte und sie daher von ihm so angezogen wurde. Er flüsterte ihr zu: „Hab keine Angst. Ich weiß genau, was ich mache.“ Mit diesen Worten legte er noch eine Schnalle um ihre Hüfte und auch die Schultern fixierte er.
Anschließend wandte er sich dem Publikum zu und sagte laut: „Heute wird es keine zersägte Jungfrau geben. Mein heutiges Opfer ist an einem Marterpfahl festgebunden. Natürlich klingeln bei euch die Ohren bei dem Wort. Ihr denkt bestimmt, dass sie nun skalpiert wird. Gut möglich. Aber ich bin ein Zauberer und mache es auf meine Art. Gibt es jemandem im Publikum, der gerne meine Messer überprüfen möchte? Es können auch gewiss mehrere Leute kommen. Ich darf keine scharfen Waffen mit mir herumschleppen. Die Polizei hat was dagegen. Diese Klingen sind stumpf. Aus Stahl wurde die Form per Laser herausgeschnitten. Drei Millimeter dick und noch nicht geschärft. Eine Tomate kann ich damit nicht schneiden.“
Schließlich kamen einige Leute auf die Bühne, die diese Klingen begutachteten. Plötzlich warf Benjamin eines direkt über ihren Kopf auf den Balken. Das Ding blieb stecken. „Wie ihr sehen könnt, kann ich die stumpfen Messer trotzdem gebrauchen, denn mit der Wurfkraft verwandeln sie sich ebenfalls in tödliche Geschosse. Ich werde nun den Marterpfahl rotieren lassen und mir die Augen verbinden. Vielleicht wäre eine nette Dame bereit dazu mir das Band anzulegen.“ hörte Grace seine charismatische Stimme.
Kurz bevor dem Zauberer die Augen verbunden wurden, drückte er einen Knopf an der Maschine hinter ihr und der Pfahl drehte sich. Nicht schnell, aber es reichte aus, um ihr ein mulmiges Gefühl zu bereiten. Der Augentest funktionierte, denn Benjamin zuckte nicht, als ein Mann prüfend mit der Faust auf seine Nase zuraste. Direkt danach bat der Illusionist: „Dreht mich bitte ein paar Mal herum. So verliere ich die Orientierung und mir wird eventuell schwindelig.“ Das Publikum atmete laut auf. Benjamin wurde gedreht und war mit dem Gesicht zu den Leuten gewandt und nicht zu dem Pfahl. Er hob die Hand mit dem ersten Messer an und zielte auf die Zuschauer. Sie stöhnten vor Angst laut auf. Wahrscheinlich war das von ihm so beabsichtigt, damit er hören konnte, in welcher Richtung der Pfahl stand. Die Bühne hinter ihr erhellte sich und sie wusste nicht wieso. Sie versuchte den Kopf zu drehen und konnte erkennen, dass dort ein Bühnenbild angestrahlt wurde. Benjamin drehte sich ruckartig um und warf mit dem Messer. Der Einschlag war auf der Wand hinter ihr zu hören. Der Pfahl war genauso breit wie sie. Dies war nicht so eine Nummer mit einer drehenden Scheibe, sondern nur einem rotierenden Balken. Es gab nur über ihrem Kopf ein wenig Platz, wo das Messer steckenbleiben könnte. Abgesehen von ihrem Körper. Das Zweite flog auf sie zu und verfehlte sie nur knapp. Das Publikum schreckte laut auf. Die nächsten Klingen folgten und sie hörte immer hinter sich an dem Bühnenbild die Einschläge. Ein Messer blieb übrig und Benjamin wandte sich an die Leute: „Bis jetzt habe ich kein Geräusch gehört, was sich so anhört, als wäre die Klinge in weiches Fleisch gestoßen. Aber ich habe ja noch einen letzten Versuch.“ Dabei schritt er nach vorne. Als er den Bühnenrand erreichte, tastete er sich mit den Füßen vor, bis es gar nicht mehr ging. Was hatte er vor? Grace hielt die Luft an, denn die Musik wurde spannender und ein Trommelwirbel begleitete die Nummer. Plötzlich spürte sie, dass sich ihre Fesseln lösten und sie von dem Balken runter auf den Boden rutschte. Die Rotation hörte auf. Mit einem Ruck drehte sich der Zauberer um und das Messer landete direkt in der Mitte des Pfahls, wo normalerweise ihr Bauch gewesen wäre. Aber ihr Kopf befand sich knapp darunter. Die Menge schrie auf und Grace hatte das Gefühl in Ohnmacht zu fallen.
Kaum ein Wimpernschlag später stand Benjamin vor ihr, riss sich die Augenbinde vom Kopf und sagte laut und deutlich: „Heute war kein guter Tag für die Erbeutung eines Skalps. Das Opfer sollte nicht sein. Die Auserwählte soll weiterleben.“ Grace sah ihn an, als ob er total wahnsinnig wäre, denn sie fühlte sich tatsächlich schwindelig und schwach in den Knien. Sanft nahm er ihr die Fesseln von den Füßen und anschließend mache er ihre Handgelenke los. Als sie sich hinstellen wollte, sackte sie in sich zusammen, doch er fing sie auf und versicherte liebevoll: „Ich habe dich. Keine Sorge. Es geht gleich wieder.“ Sie schmiegte sich in seinen Arm und war froh, dass er für sie da war und sie nicht alleine von der Bühne gehen musste. Mit diesen wackeligen Beinen war das auch nicht möglich. Mit langsamen Schritten begleitete Benjamin sie zu ihrem Platz, wo Patrick sie sehnsüchtig erwartete. Wie ein echter Musketier kam er ihr auf dem Gang entgegen und hielt ihr seinen Arm hin. Grace nahm diesen dankend an und drehte sich zu dem Zauberer um, der sie mit einem geheimnisvollen Lächeln anschaute. Diese Tatsache ließ sie erneut schwache Knie bekommen. Mit dieser Zaubernummer hatte Benjamin definitiv ihr Herz erobert. Er war der perfekte Mann für sie. Liebevoll, intelligent, ruhig, charismatisch, rätselhaft, gutaussehend und vor allen Dingen hatte er diese Fassade eines bösen Jungen. Außerdem passten seine eisblauen Augen wunderbar zu der Farbe ihrer Maschine. Sie dachte an seine zärtlichen Berührungen ihrer Haut zurück, als er sie festgebunden hatte. Sofort wollte sie mehr davon spüren. Patrick führte sie zu ihrem Sitzplatz und sie schaute ihn kurz darauf an. Natürlich sah dieser Möchtegernmusketier gut aus, aber in dem Moment hatte sie nur noch Augen für den Zauberer. Und das Sahnehäubchen bei ihm war, dass er alles über sie wusste und sie ihn nicht anlügen bräuchte.
Kapitel 2
„Hallo mein Schatz. Ich möchte nachher mit dir trainieren. Du solltest mal wieder einen Geist beschwören, denn schließlich musst du am Ball bleiben.“ wurde Luke von seiner Großmutter begrüßt. Mit einem gequälten Lächeln sprach er: „Hallo Portia. Ich dachte, dass ich heute mit Toni üben würde.“ Sein rothaariger Großvater stand hinter ihr und meinte: „Nur, sofern du inzwischen bereit dafür bist. Wir wollten doch nichts überstürzen.“ Portia sah ihn entsetzt an und fragte: „Hast du es immer noch nicht gelernt? Mein Mann erzählte mir nichts darüber, wie weit ihr seid. Ihr habt vor fast einem Monat damit angefangen. Nun wird es aber mal langsam an der Zeit.“ Hastig sprang Toni vor seine Frau und sagte in sarkastischem Tonfall: „Danke Liebling. Ich wollte ihm nicht noch mehr Druck machen. Doch du hast heute mal wieder das Talent dazu, Fehler zu machen.“ „Du glaubst also, dass ich mich da nicht einzumischen habe? Er nimmt deine kostbare Zeit in Anspruch. Ich liebe meinen kleinen Schatz, aber er sollte inzwischen an Selbstvertrauen gewonnen haben und es können. Du hast es damals in ein paar Stunden gelernt.“ motzte sie und schaute dabei genervt auf ihre Uhr. Schließlich sagte sie zu Luke: „Mach mal hin. Ich gebe dir eine halbe Stunde und danach gehörst du mir. Nächste Woche will ich außerdem mit dir an Dämonen üben.“ „Bitte was? Habe ich dir nicht gesagt, dass ich das nicht möchte?“ schimpfte Luke und sah ihr böse in die Augen. Gelangweilt hielt sie seinem Blick stand und meinte: „Ich habe es nicht gerne, wenn du meine Gutmütigkeit ausnutzt, nur weil du mein Enkel bist und ich dich sehr liebe. Da ich so viel Lebenserfahrung habe, weiß ich, dass es besser für dich ist. Und du solltest mir dahingehend vertrauen. Außerdem kann ich meine Gefühle ausschalten, sobald es um deine richtige Erziehung geht.“ „Mum! Jetzt lass Luke in Ruhe. Dad hat auch nicht lange Zeit. Lass die beiden nun schwimmen gehen und du kommst mit mir zu Jonathan. Er wollte dich noch einmal sprechen. Ich glaube, dass es um den Vollmondmörder geht.“ hörte Luke die Stimme von seiner Mutter. Erleichtert atmete er auf. Mit einer Killervampirin sollte er sich nicht anlegen. Auch nicht sofern besagte Killerin seine Oma ist.
