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Jeanny O'Malley
Die Chroniken der Lichtkrieger - Legacy 2 Die dritte Generation - Band 1 Sehnsucht der Nacht
Die Chroniken der Lichtkrieger - Legacy 2 Die dritte Generation - Band 1 Sehnsucht der Nacht
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Die zweite Fortsetzung über die Welt der Lichtkrieger wird düster.
Ein Serienkiller hält die Polizei sowie die Lichtkrieger zum Narren. In London hat es der Vollmondmörder gezielt auf junge Frauen abgesehen, die dunkle kurze Locken haben. Zudem scheint er über die besonderen Fähigkeiten der Lichtkrieger Bescheid zu wissen. Können die Krieger gemeinsam mit ihren Erben die Mordserie stoppen?
Ein Illusionist mit einer Todesahnung, eine junge Frau, die zum Werwolf wird, Zwillinge mit einer toxischen Fürsorge, ein Mann, der sich als Versager sieht, und eine Frau, die einen Serienkiller fassen will.
Die Lichtkrieger stehen einem unbekannten Feind gegenüber.
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Prolog
Das Herz war schwer und sein Gang nicht mehr so, wie vor vierzig Jahren. Er fühlte sich zu alt für diesen Job. Langsam und beinahe ehrfürchtig schritt er auf das gelbe Absperrband der Polizei zu. Gerade als er darunter durchgehen wollte, wurde er von einem Beamten aufgehalten, der fragte: „Was wollen sie hier? Das ist ein Tatort und sie haben hier nichts zu suchen.“ „Doch, das habe ich sehr wohl. Immerhin wurde ich herbestellt, auch wenn ich lieber nicht an diesem Ort sein möchte. Ich bin der Gerichtsmediziner und mein Name ist David Harris.“ erklärte er, fummelte in seiner Hosentasche herum, um seinen Ausweis zu zeigen, den er normalerweise nicht brauchte, und wurde daraufhin durchgelassen.
Irgendwie hatte er es geahnt. Der Vollmond war in der Nacht gut sichtbar am Himmel gewesen und er rechnete bereits mit einem Opfer. In solchen Nächten spielten die Leute meistens verrückt, aber seit fast einem Jahr trieb ein Serientäter sein Unwesen. Er hoffte so sehr, dass er mit Hilfe seiner Kollegen den Täter vor seinem nahenden Ruhestand schnappen könnte. Ansonsten würde ihn dieser Fall noch sehr lange danach beschäftigen. All diesen armen Opfern musste irgendwie Gerechtigkeit widerfahren. Zumindest sollte der Killer hoch bestraft werden.
Vor interessierten Blicken geschützt lag die Leiche hinter einer provisorischen Absperrwand vor seinen Füßen. Vielmehr behütete es die Leute vor diesem Anblick. Neugierige Personen standen schon am Rand und wollten sehen, was passiert war. Er konnte es sich bereits denken, denn per Anruf wurde ihm längst das Meiste verraten. Eine Frau sollte es sein. Anfang zwanzig mit dunklen kurzen Haaren, die ein wenig gelockt waren. Es war genauso wie die ganzen Morde vorher. Immer an Vollmond und stets Frauen mit dunklen kurzen Locken, die Anfang zwanzig sind. Und jedes Mal hatte der Täter eine gelockte Strähne abgeschnitten. Die Tatwaffe war nach seinen Untersuchungen immerzu ein Messer gewesen. Sehr scharf musste es sein und von der Hand des Täters sicher geführt. Anscheinend wusste der Mörder genau, wie er es machen musste, damit das Opfer schnell starb. Irgendwie wollte er die Frauen wohl nicht lange leiden lassen. Passte dies in das typische Muster eines Serienkillers? Was ihn nur stutzig machte, war, dass sie noch keine Tatwaffe gefunden haben. Fingerabdrücke gab es wahrscheinlich nur auf dem Messer. Auf den Frauen fanden sich nie Spuren des Angreifers. Wenn er tatsächlich so flink war, musste er seine Opfer nicht einmal anfassen. Einfach das Messer gezielt in den Körper stechen und danach die Locke abschneiden. Genauso konnte es gewesen sein.
Mit diesen Gedanken ging er auf den leblosen Körper zu. Das Gesicht der Frau war noch schön anzusehen. Kein Bluterguss war zu erkennen oder Schrammen eines Kampfes. Sie schien auch noch nicht lange tot zu sein. Auf den ersten Blick konnte er die Einstichstelle sehen. Das war anhand der Blutflecke keine Kunst, trotzdem musste er sichergehen, dass er bei seinen weiteren Untersuchungen nichts übersah. Es wäre ja eventuell möglich, dass der Täter anders vorhing. Gegebenenfalls mit KO-Tropfen. Es konnte auch ein Nachahmer gewesen sein. Noch standen sie bei diesem Opfer am Anfang der Ermittlungen. Zu schnell wollte er diese Tat nicht dem Serienkiller zuschreiben.
„Mister Harris! Was ist ihre Meinung? War das wieder der Vollmondmörder?“ wurde er plötzlich gefragt. Ohne sich umzudrehen, da er auf die Frau schaute, antwortete er: „Es sieht zumindest auf den ersten Blick danach aus. Aber wir sollten uns nicht zu früh festlegen. Es könnte auch eine Nachahmungstat sein. Ich muss zuerst meine Erkenntnisse sammeln, anschließend bekommt ihr meinen Bericht.“
David atmete einmal tief ein und beugte sich zu dem Opfer herunter, um mit der ersten Begutachtung anzufangen. Natürlich hatte er in seiner langen Karriere verdammt viele Leichen gesehen und untersucht. Oft hatte er auch einige Körper auf seinem Tisch liegen gehabt, bei denen der Tod unerklärlich war und in die offenen Fälle einsortiert wurden. Dies kam seltsamerweise in seinem Bezirk sehr oft vor. Rund um London geschahen in den letzten neunundfünfzig Jahren viele sonderbare Phänomene, unter anderem Leichen, deren Ableben nicht von dieser Welt schien. Der Radius breitete sich in ganz England von der Hauptstadt aus. In Schottland und Irland gab es nicht solche zahlreichen Vorkommnisse. Wie er feststellen musste, betraf es zu hundert Prozent Personen, denen das Gefängnis drohte oder die sonst Ärger mit der Polizei hatten. So als ob es einen Menschen gibt, der wie ein Superheld im Hintergrund gegen das Böse auf der Welt kämpft. Diese unerklärlichen Morde hakte er daher in seinem Hirn als erledigt ab. Sein Interesse einen Mörder von Verbrechern zu suchen, war nicht sonderlich gesteigert. Doch dieser Vollmondmörder hatte es auf unschuldige Frauen abgesehen. Dies nahm ihn sehr mit. Vor allem bei den jungen Frauen, die seine Enkelinnen sein könnten. Unschuldige Leben zu nehmen war wirklich eine schreckliche Tat. In diesem Moment versprach er sich, dass er das miese Arschloch finden würde und zur Strecke bringt. Dies sollte sein Abschluss vor dem Ruhestand werden.
Kapitel 1
Neunundfünfzig Jahre nach der Rückkehr der Lichtkrieger
Langsam und mit Herzklopfen ging Benjamin zu dem kleinen Metallschrank in der hintersten Ecke seines Zimmers. Der Raum war eher spartanisch eingerichtet, denn er brauchte nicht viele Dinge um sich. Es soll ja Leute geben, die andauernd neue Sachen kauften, damit sie sich besser fühlten oder weil sie einem Zwang unterlegen waren. Dies war nicht seine Art. Für seinen Beruf hatte er ein eigenes Zimmer eingerichtet. Jenes befand sich im Keller neben dem mondsicheren Raum, in dem sich sein Vater an Vollmond einschloss. Doch in seinem persönlichen Reich standen, abgesehen von diesem kleinen Metallschrank mit den drei Schubladen, ansonsten nur ein Bett, ein Wandschrank für seine Garderobe und ein schmaler Schreibtisch mit einem Bürostuhl davor. Darauf waren eine Lampe und der neuste Computer platziert. Diesen hatte er von Jonathan erhalten. Dem Sohn seiner Schwester Ronja. Kaum zu glauben, dass sogar Jonathans Sohn Luke drei Jahre älter war, als er selbst. Von all den Nachfahren der Lichtkrieger war er der jüngste. Trotzdem war es seltsam, dass er quasi diese Technik von seinem Neffen geschenkt bekommen hatte, der ihm zudem sämtliche Dinge in Informatik beigebracht hatte.
Mit einem kurzen Ruck holte Benjamin eine Kette unter seinem Hemd hervor. An dieser hing der passende Schlüssel für den kleinen Metallschrank. Einmal atmete er tief durch und schloss den Schrank auf, so dass sich die Schubladen öffnen ließen. Mit einer ruhigen Handbewegung zog er die oberste davon auf. Dort befand sich sein Tagebuch. Vielmehr Notizbuch für besondere Momente. Er schrieb nicht jeden Tag hinein, sondern wirklich nur, sobald etwas Nennenswertes passiert war. Er hatte keine Ahnung, warum er dieses Ding hervorholte, denn er wollte nicht hineinschreiben. Wie automatisch griffen seine Finger zu der Stelle, die wahrscheinlich schon abgenutzter war, da er sie so oft angeschaut hatte. Darin hatte er seine Vorahnung notiert. Den Zeitpunkt seines Todes. Diesmal war es keine Kartenlegung seiner Mutter oder ihr Zukunftsblick mit ihrem Artefakt. Nein. Dieses eine Mal wusste er es selbst. Es gab eine vorgeschriebene Reihenfolge von Ereignissen, die vor seinem Todeszeitpunkt eintreffen sollten. Diese hatte er vor seinem inneren Auge gesehen. Und natürlich wusste er auch schon, wie er sterben würde. Mit seinen Eltern wollte er nicht darüber reden, denn es war in Ordnung für ihn. Angst vor dem Tod hatte er kaum. Obwohl er erst einundzwanzig Jahre alt war, hatte er das Gefühl, dass er in dieser Welt keinen Platz hatte. Ab diesem Alter würde er nicht älter werden. Zumindest sein Körper nicht. Aufgrund seines Berufes wäre das irgendwann schädlich und er müsste seinen Tod vortäuschen. Aber das Schicksal hat wohl vorgesehen, dass seine Zeit kommen sollte. Er war der entbehrliche Erbe der Lichtkrieger. Die Kinder wurden in der Nutzung der Kräfte unterwiesen und lernten ständig dazu. Alles zu dem Zweck, dass die Fähigkeiten weitergegeben werden konnten, sofern einer der ursprünglichen Krieger stirbt. Luke hatte die Kräfte von Ronald und Jasmin sowie von Toni und Portia. Grace, die Tochter von Serafina und Nicholas, hatte die Kräfte von Bella und Steve, die ihre Fähigkeiten zu jeder Zeit einsetzen konnten, sowie von Christine und Andy. Echt toll was sie draufhatte. Den Mond bezaubern, das Sonnenlicht bündeln und sogar gleichzeitig Schatten für sich kämpfen lassen oder in die Ferne schauen und verdammt gut hören. Zudem konnte sie auch noch besser riechen und war kräftiger als alle anderen, da sie als Werwolf geboren wurde. Sullivan und Julia, die Zwillinge von Leslie und Sean, hatten ebenfalls einiges auf dem Kasten. Schließlich konnten sie beide das Lichtschwert von William nutzen, sich wie Viktoria verwandeln, ein Kraftfeld hervorrufen wie Heather und die Hirne manipulieren wie Seth. Demnach waren diese vier Erben der Lichtkrieger quasi die Superhelden in dieser Generation. Doch obwohl er der Jüngste von allen war, fehlte ihm eine Generation dazwischen. Als direkter Sohn von Ronald und Jasmin konnte er nur in die Zeiten blicken oder mit dem Artefakt seines Vaters Spuren verfolgen. Abgesehen von der Druckwelle, die ausgelöst wird, sofern er beide Artefakte gleichzeitig nutzen würde. So wie es seine Schwester Megan gemacht hatte. Womit er wieder auf den Punkt kam, warum er keine Angst vor dem Tod hat. Seine Kräfte waren die gleichen, die auch Ronja und Megan hatten. Sowie Jonathan als Enkel. Luke war schon durch seine Mutter Kelly mit mehr Fähigkeiten versehen worden. Also gab es bereits drei Erben, die so wenig draufhatten wie er und die im Falle des Todes einer der Elternteile diese Kräfte weiterhin gebrauchen konnten. Bekanntlich lebten diese Krieger aber schon seit weit mehr als fünfhundert Jahren und die ersten Jahrhunderte hatten sie ohne ihre Fähigkeiten überlebt. Also war er entbehrlich und konnte somit sein Schicksal annehmen.
Vorsichtig legte er das Buch in die Schublade zurück und schloss den Schrank ab. Den Schlüssel hing er abermals mit der Kette um seinen Hals und versteckte ihn unter dem Hemd. Der kleine Metallschrank war sein Heiligstes. Niemand sollte über den Inhalt Bescheid wissen. Das war privat und ging keinen etwas an. Mit einem Blick auf die Uhr wusste er, dass es an der Zeit war, seinen Koffer zu schnappen und sich zur Arbeit aufzumachen.
Benjamin ging in den Keller und öffnete die Türe zu seinem Arbeitsraum. Sollte er die schwarzen Handschuhe an diesem Abend tragen oder die weißen? Er entschied sich für Letztere, denn er würde sie nicht lange anbehalten. Das war sein Running Gag bei den Shows, dass er stets die Handschuhe theatralisch auszog und sagte, dass die Blutflecke so schlecht zu entfernen sind, wenn bei dem Trick mit der zersägten Jungfrau etwas schiefgeht. Die Lacher waren jederzeit im Publikum vorhanden. Mit einem Grinsen stand er vor dem Spiegel und zog sich die Fliege am Hemd zurecht. Sollte er doch die schwarzen Handschuhe tragen, da er sich nicht sicher war, ob er ein geeignetes weibliches Opfer finden würde? Dann musste er den Kartentrick machen, der nun mal bei ihm mit dem dunklen Hintergrund besser aussieht. Was soll es? Sollte er doch beide Paare mitnehmen. Warum machte er sich auf einmal darüber Gedanken? Wahrscheinlich, weil sein Todeszeitpunkt immer näher rückte und er daher bis zu diesem Tag zu nervös wurde? Das konnte er nicht gebrauchen. Jahrelang hatte er gelernt zu zaubern. Vielmehr die Leute zu täuschen, denn echte Magie beherrschte nur Seth mit seinen Erben. Seine geerbten Fähigkeiten konnten zwar was, aber zaubern gehörte nicht dazu. Doch genau diese Tricks draufzuhaben, sich mit seinem Hirn die Nummern auszudenken, diese perfekt umzusetzen und die Menschen zu täuschen, lag ihm sehr. Natürlich hatte ihm Jonathan am Computer auch einige Tricks gezeigt, aber es war ihm zu langweilig. Ihm war mehr nach Action zumute.
Mit einem prüfenden Blick in den Spiegel kämmte er seine schwarzen Haare. Sein Markenzeichen war seine Frisur. Strähnen auf der einen Hälfte der Stirn, die ihm fast ins Auge reichten und auf der anderen Seite die Haare hinter dem Ohr herunter gekämmt, wo sie schließlich unter dem Ohrläppchen aufhörten. Mit ein wenig Schaum gab er den Strähnen besseren Halt. Seine Augen strahlten in einem hellen blau. Er hatte keine Ahnung wieso. Die Farbe der Iris war bei seinem Vater dunkelblau und die seiner Mutter grün. Wahrscheinlich von den Großeltern, die lange vor Christus gestorben waren. Aber mit den sehr dunklen Haaren leuchteten sie richtig, was für die Zaubershow mystischer aussah. Anschließend griff er zu seinem Koffer, den er niemals außerhalb dieses Raumes liegenlassen würde. Sein gesammeltes Wissen und die Zaubermaterialien sollten nicht von Nachahmern gestohlen werden. Es waren seine Ideen. Die zersägte Jungfrau nicht, aber er machte es nicht so wie andere Künstler, sondern er gab der Nummer seine eigene Note.
Gedankenverloren stieg Benjamin mit dem Koffer die Treppe hinauf. „Ich muss jetzt los. Kommt ihr nachher zur Show?“ informierte er seine Eltern. Seine Mutter kam auf ihn zu, um ihn auf die Wange zu küssen und antwortete: „Heute nicht mein Liebling. Wir haben gleich eine Versammlung und da besprechen wir einen Einsatz, der morgen in der Frühe stattfinden soll. Aber sobald wir wieder mehr Zeit haben, werden wir zu deiner Show kommen. Und sofern du eine Freiwillige brauchst, für die Nummer mit der Säge, kannst du auf mich zählen. Ich mag den Trick. Ich hoffe, dass du mir eines Tages verraten wirst, wie er funktioniert.“ „Das wird er uns nie erzählen. Hör auf unseren Jungen aufzuhalten. Er muss jetzt los, sonst kommt er zu spät zu seiner eigenen Vorstellung.“ sagte sein Vater und klopfte ihm stolz auf die Schulter. Benjamin nickte ihm zu, lächelte und verließ daraufhin das Haus.
Die Fahrt von Winchester nach London kam ihm diesmal länger vor. So oft war er die Strecke bereits gefahren, denn er hatte es endlich geschafft, in der Großstadt einen Stammplatz zu bekommen. Benjamin konnte schon sehr früh die Leute mit seinem Können verzaubern. Angefangen hatte er daher in der Straße der Nachbarschaft. Später kamen Auftritte in Winchester dazu, bis er nun in einer höheren Liga spielte. Trotzdem zog sich die Strecke irgendwie.
Der für ihn reservierte Parkplatz war zum Glück nicht wie letztes Mal von einem Idioten zugeparkt worden. Das war wenigstens etwas, was an diesem Tag klappen sollte. Benjamin stieg aus dem Auto und hob den großen Koffer aus dem Wageninneren. Das Ding hatte er so umgebaut, dass er darin wirklich alles verstauen konnte, was er für seine Show brauchte. Selbst das Gestell für den Trick mit der Säge war dort eingebaut.
Der Hintereingang des kleinen Theaters lag vor ihm und er öffnete die Türe. Viel Zeit blieb ihm nicht mehr, um seine Sachen auf der Bühne aufzubauen. Plötzlich hörte er eine Stimme: „Hallo Schatz. Ich bin heute im Publikum. Endlich habe ich mir mal dafür frei nehmen können. Ich bin ja so gespannt.“ Genervt verdrehte er die Augen, drehte sich zu der Frau um, setzte ein falsches Lächeln auf und sagte: „Hallo Amber! Ich freue mich natürlich sehr, dass du heute meine Show ansiehst. Geht es dir gut?“ Mit einem glücklichen Lächeln kam sie auf ihn zu, schlang ihre Arme um seinen Nacken und gab ihm einen sanften Kuss auf den Mund. Er erwiderte ihn jedoch nicht, sondern schob sie sachte von sich weg und erklärte: „Ich habe jetzt vor der Show leider keine Zeit mehr. Ich bin schon spät dran. Aber wenn ich heute Nacht noch bei dir bleiben darf, können wir an dieser Stelle weitermachen.“ Sie warf ihre langen blonden Haare nach hinten und schaute ihn erwartungsvoll mit ihren blauen Augen an. Leicht biss sie sich auf die Lippe und fragte gespielt erotisch: „Werden wir dieses Mal unseren Spaß unter der Dusche haben? Oder zierst du dich wieder davor?“ „Ich ziere mich nicht. Ich habe nur keinen Bock es unter der Dusche zu machen. Ende. Aber ich verspreche dir, dass ich dich anders verwöhnen werde.“ behauptete er, denn er hatte diese Diskussion mit ihr so satt. Sex unter der Dusche war für ihn ein Tabuthema. Sie brauchte den Grund nicht zu wissen. Es hatte mit seiner Vergangenheit zu tun.
Unsanft wurde Benjamin aus seinen Gedanken gerissen, da eine andere Frau auf ihn zukam und fragte: „Wo bleibst du denn? Die Leute stehen schon vor der Türe und du bist nicht einmal auf der Bühne. Willst du noch länger warten? Oder gehört das etwa neuerdings zur Show?“ „Nein. Ich komme sofort.“ antwortete er, sah kurz zu seiner Freundin hinüber und wandte sich ihr zu mit den Worten: „Bis später Amber.“
Der Vorhang war bislang geschlossen, aber Benjamin hörte dahinter die ganzen Leute miteinander reden. Seine Zauberutensilien waren aufgebaut und alles perfekt vorbereitet. In Ruhe zog er die weißen Handschuhe über die Finger und schaute sich das Schild im Hintergrund an. Darauf stand sein Künstlername. Benjamin der Gesandte. So Namen wie der Unglaubliche oder der Fantastische wollte er sich nicht geben. Davon gab es genug in der Branche. Aber er kannte die Geschichten von damals über die Lichtkrieger und dass ein Gesandter ihnen das Ende prophezeit hatte. Und da er seinen eigenen Todeszeitpunkt kannte, fand er den Namen einfach passend.
Die Musik spielte mit einem Mal. Der Auftritt fing an. Die kleinen Rauchbomben waren platziert. Er war ziemlich gut darin, die Leute von den wichtigen Dingen abzulenken. Der Vorhang wurde hochgezogen und sein schwarzer Umhang verschmolz mit der Dunkelheit der Bühne. Die Lichter trafen den Boden vor seinen Füßen, bloß ihn nicht. Mit einem Knopfdruck explodierte die Rauchbombe direkt vor ihm, das Licht erhellte die komplette Bühne und er war für alle sichtbar. Die Menge applaudierte und er verneigte sich zur Begrüßung vor ihnen. Dies war der gewöhnlichste Effekt, den er beherrschte. Keine große Illusion. Aber er arbeitete bereits lange an einer gigantischen Nummer, die alles andere in den Schatten stellen sollte. Etwas viel Gewaltigeres als das, was er an diesem Abend vorführte.
Einige einfache Tricks hatte er schon hinter sich gebracht und die Menge war begeistert sowie erstaunt. Mit einer spannenden Musik machte Benjamin auf die Box neben ihm aufmerksam. Mit einem süffisanten Grinsen wandte er sich an das Publikum: „Nun ist es an der Zeit, die Jungfrau zu zersägen. Nur wo bekomme ich jetzt eine her? Ich sehe massig Frauen hier im Saal, aber ich denke, dass ihr alle ausreichend Erfahrung in Sachen Sex gesammelt habt. Nun gut. Will sich eine von euch outen oder meldet sich eine Dame freiwillig?“ Selbstverständlich lachten einige der Anwesenden. Benjamin verzichtete absichtlich auf eingeweihte Personen, die ihm bei den Shows halfen. Er sorgte schon selbst für die Ablenkung. Ein Mann zeigte auf die Frau neben sich und sagte: „Ich biete dir meine an. Auf den Trick bin ich gespannt.“ Mit einem Lächeln meinte der Zauberer: „Natürlich darf sie zu mir auf die Bühne kommen. Aber ich will sie nicht zwingen. Sie sollte es freiwillig machen.“ Die Frau zögerte ein wenig und daher ging Benjamin ins Publikum, um sich vor sie zu stellen. Sanft legte er seine Hand um ihre Finger und sprach leise: „Du brauchst keine Angst zu haben. Vertrau mir. Es geschieht dir nichts. Du bist bei mir in besten Händen.“ Mit glitzernden Augen blickte sie ihn an und folgte ihm auf die Bühne.
Mit Vorsicht und richtig theatralisch befestige er die Frau in der Kiste. Mit dem Mund nah an ihrem Ohr flüsterte er ihr zu: „Keine Angst. Es ist nur Show. Entspann dich einfach. Auch wenn ich gleich etwas anderes sage.“ Sie nicke und lächelte ihn begeistert an. Benjamin legte eine kleine Säge auf die Box und fragte laut: „Soll ich es damit versuchen oder ist das zu blutig?“ Die Menge lachte und er platzierte ein selbst entwickeltes Lasermesser auf die Box. Er war auf einer Seite an einem Gehäuse befestigt und auf der anderen, etwa auf der Breite der Box, war der Gegenpol. Um zu beweisen, dass das Zeug schneiden konnte, hielt er ein Stück Papier in den Strahl. Mühelos wurde das Blatt in zwei Teile geschnitten. Anschließend teilte er damit noch eine Zitrone. Während er seinen Laser vorführte, fummelte er unbemerkt hinter der Box mit den Füßen herum und positionierte unauffällig die Spiegel für seinen nächsten Effekt. Die Spannung stieg im Publikum und der große Augenblick war gekommen. Theatralisch zog er die weißen Handschuhe aus und scherzte: „Das Blut bekommt man so schlecht wieder aus dem Stoff heraus. Ist nur zur Vorsicht, falls gleich etwas misslingt.“ Die Lacher übertönten die Geräusche seiner letzten unauffälligen Fußbewegung. Schnelligkeit war die Devise. Um den Laserstrahl effektiver in Szene zu setzen, steckte er sich eine Zigarette an, sog den Qualm tief in seine Lunge und einen Teil davon blies er in das rote Licht. Es verlieh der Angelegenheit ein wenig Ruhe und baute Spannung auf. Nun konnte er sich Zeit lassen, denn das Publikum glaubte nicht daran, dass er etwas in der kurzen Zeitspanne vorbereitet hatte. Während er die Zigarette im Mund hatte, sauste das Lasermesser durch die Box. Mit einem Grinsen sah er sich das an. Die Menge hielt die Luft an. Die Frau in der Kiste schaute wohl auf ihren Mann, der wirklich angespannt aussah. Blut tropfte auf einmal unten auf den Boden. Benjamin zog die Kiste in zwei Teile, blickte auf den Blutfleck und sagte laut: „Mist. Der Laser war wohl nicht sehr hoch eingestellt. Normalerweise ist er so stark, dass er die Wunden direkt verödet.“ Die Leute sahen ihn entsetzt an. Benjamin zauberte aus seinem Ärmel ein rotes Tuch hervor und erklärte: „Ich wische das eben weg. Keine Sorge. Der Stoff ist rot. Es sieht nachher niemand, wenn die Waschmaschine es nicht herausbekommt.“ Während er den Boden wischte, drückte er an seinem Handgelenk einen winzigen Knopf, um den nächsten Effekt zu starten. Der Laser machte sich selbstständig und glitt auf dem Boden entlang auf ihn zu. Einige aus dem Publikum warnten ihn anhand ihrer Zurufe. Benjamin sprang auf, warf das rote Tuch über die Laservorrichtung und dabei verdeckte er auch die Box mit der Frau im Inneren. Keine paar Sekunden später war der Laser weg, die Kiste war unversehrt und er öffnete den Deckel, um die Frau in einem Stück herauszuholen. Erleichtert sah sie ihn an und fragte sich wohl, was da passiert ist. Ihr Mann kam ihr entgegen, um sie in seinen Arm zu nehmen. Die Menge applaudierte und Benjamin war überaus zufrieden mit sich selbst. Doch dann sah er, wie euphorisch Amber ihm zuwinkte und sehr begeistert aussah. Er musste sich beherrschen, nicht die Augen zu verdrehen. Warum hatte er gesagt, dass er die Nacht mit ihr verbringen wollte?
Kapitel 2
„Und schon wieder eine Absage. Ich halte das nicht mehr aus. Warum finde ich so schwer eine Ausbildung oder eine Uni, die mich haben will?“ hakte Grace nach und packte ihr Handy anschließend in die Tasche. Ihre Mutter sah sie mitfühlend an und erklärte: „Weil auf deinen Zeugnissen steht, wie oft du immer unentschuldigt gefehlt hast. Allerdings konnten wir weder einem Arzt noch der Schule die Sache mit dem Vollmond erklären. Es tut mir wirklich leid, dass dies so gekommen ist.“ Ihr Vater saß auf dem Sofa, schaute sie mit seinen blauen Augen unter den braunen Locken an, und meinte: „Mir tut es auch leid. Wenn ich damals nicht zu einem Werwolf mutiert wäre, so hättest du ein normales Leben wie alle anderen gehabt.“ „Nicholas! Du hast deinen Vater gerettet. Du musstest etwas unternehmen. Wir bekommen das schon irgendwie hin. Wir haben doch ein bisschen gespart. Womöglich könnten wir ihr noch ein Jahr auf der Schule finanzieren mit Privatunterricht, damit sie ein besseres Zeugnis bekommt. Wäre das eine Option?“ fragte ihre Mutter. Grace schaute erwartungsvoll ihren Vater an, der seufzte und antwortete: „Schon gut. Wenn es sie glücklich macht, so werde ich versuchen, noch ein wenig Geld aufzutreiben. Schade, dass wir untertauchen mussten und unseren Job als Models nicht mehr machen können. Wir sehen einfach zu gut aus für unser Alter.“ Grace kicherte ein bisschen, setzte sich zu ihm auf das Sofa, umarmte ihren Vater und sagte erleichtert: „Danke Dad. Ich hoffe ja, ich muss nicht mehr so oft üben, mich als Werwolf unter Kontrolle zu haben. Womöglich könnte ich ein ganzes Jahr im Keller verbringen. Und erst nach der Schule wieder üben mich im Zaum zu halten.“ Er seufzte, streichelte sachte ihren Rücken und erwähnte: „Das hoffe ich. Weißt du, seit der ersten Vollmondnacht nach deiner Geburt, als du dich als Säugling verwandelt hast, wollten wir kein Risiko eingehen. Du warst so winzig und wir wollten nicht, dass du als Kind diese Schmerzen hast und wir dir nicht helfen können. So haben wir dich leider bis jetzt versucht zu schonen. Aber irgendwann musst du damit umgehen lernen. Ich habe Serafina immer gesagt, dass wir als Teenager bei dir anfangen sollten. Du weißt ja noch, wie das war. Die Schmerzen konntest du nicht so gut verkraften, da wir womöglich zu lange damit gewartet haben. Und nun hast du ein mieses Zeugnis und kannst nicht das werden, was du möchtest. Es tut mir echt leid.“ Liebevoll kuschelte sich Grace an ihren Vater und versprach: „Sobald du meine schulische Ausbildung finanzierst, werde ich wirklich jede Minute fleißig lernen. Noch gebe ich meinen Traum nicht auf Psychologin zu werden.“
