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Leseprobe
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Prolog
Ein paar Jahrhunderte vor Christus Geburt …
„Tante Naletia, du hast mir schon oft etwas über meine Eltern erzählt. Aber was genau hat dir meine Mutter über die Zukunft sagen können?“ fragte eine junge Frau mit schwarzen Haaren. Die Rothaarige ihr gegenüber antwortete: „Sie hatte alles aufgeschrieben, was sie in der Zukunft sehen konnte. Deine Mutter war wirklich eine bezaubernde Frau gewesen. Schade, dass du sie niemals kennenlernen wirst, und ich nie mehr sehen werde. Ich kann nicht über zweitausend Jahre warten, um all meine Freunde wiederzusehen. Ich weiß nicht einmal, wie lange ich ohne mein Artefakt leben werde. Vielleicht noch ein halbes, normales Leben lang?“ Die junge Frau fragte erneut: „Aber du bist doch unsterblich. Oder stimmt das etwa nicht?“ Naletia antwortete gelassen: „Ich war es auf jeden Fall. Ich kann normal nicht alt werden und daran oder an einer Krankheit sterben. Aber ich kann verletzt werden oder getötet. Was denkst du, wie groß meine Chancen stehen, dass ich ohne meine besonderen Fähigkeiten noch sehr viel länger leben werde? Ich habe niemanden mehr, der an meiner Seite kämpft. Die Jäger sind noch irgendwo da draußen und versuchen mich zu finden. Und selbst, wenn die es nicht schaffen mich zu töten, kann der Blitz mich treffen. Ein Erdbeben einen Stein auf mich drauffallen lassen, ein heftiger Sturm mich tödlich verletzten oder aber ein Wolf fällt mich an. Es sieht sehr schlecht für mich aus, dass ich jemals meine Freunde und meinen Geliebten wiedersehen werde. Sehr schlecht sogar. Deronia, deine Mutter sprach von etwa zweitausendfünfhundert Jahren. Da kann so viel passieren.“ „Hat meine Mutter denn nicht in ihren Aufzeichnungen etwas über dich geschrieben? Oder über mich?“ hakte Deronia nach. Naletia erklärte: „Nein, sie hat über alles berichtet, aber mich hat sie in der Zukunft nicht erwähnt.“ „Und wie können dann die Krieger in der Zukunft die Artefakte finden können, wenn es uns beide da nicht mehr gibt?“ wollte die junge Frau wissen. Naletia erklärte: „Solange wir beide gemeinsam älter werden, haben wir ein Auge auf die Kammer mit den Artefakten. Und dann ist da noch Semjia, die Tochter von Efeleth. Sie hat einen Mann gefunden und schon ein paar Kinder bekommen. Ihre Familie wird hier auf diesem Grundstück mit uns leben. Und ihre Kinder werden die Geschichte von den Kriegern erzählt bekommen. Und deren Kinder und immer so weiter. Ich weiß, wie sie alle aussehen, was sie können und wie sie so normalerweise sind. Alles werde ich aufschreiben und sämtliche Nachfahren von Efeleth wissen dann, wann und wie die Krieger zu finden sind. Mehr können wir beide nicht machen.“
Kapitel 1
Nach der vergangenen Vollmondnacht wachte Toni im Wohnzimmer seiner Wohnung auf und fasste sich schmerzerfüllt an den Kopf. Es ging ihm nach Vollmond immer beschissen. Der ganze Körper war verspannt und total verkrampft. Schlimmer als jeder Kater nach einer Sauftour mit Freunden. Normal würde er die Nacht mit Steve und Daniel im abgedunkelten Keller des Hauses hinter einer dicken Panzertür verbringen, aber an dem Vortag war gar nichts normal. Toni wusste nur noch, dass er in der Stadt war und von der Polizei aufgehalten wurde. Es gab eine Zeugenbeschreibung, die ihn in der Nähe eines Tatortes gesehen hatte. Aufgrund seiner roten, leuchtenden Haare, war er in der Stadt sehr bekannt. Er wurde zwar nicht eines Verbrechens beschuldigt, aber die Beamten vermuteten, dass er etwas Wichtiges gesehen haben könnte, weil er sich gerade zu diesem Zeitpunkt auch dort aufgehalten hatte. Dies hatte ihn wertvolle Zeit gekostet. Er kam nicht schnell genug nach Hause, um zu den anderen in den Keller zu gehen, wo der Mond ihn nicht allzu schlimm erreichen konnte. Dann erinnerte er sich an ein Gesicht in seiner Nähe. Eine Frau mit langen, blonden Haaren, die ihn besorgt anschaute. „Tiffany! Oh mein Gott!“ sagte er hastig und hielt seinen Kopf wieder fest, weil er auf einmal wie ein Presslufthammer auf seinem Schädel hämmerte.
Plötzlich ging die Türe auf und Steve kam mit Daniel ins Zimmer. Steve schaute seinen Freund besorgt an und fragte: „Mensch Toni, wo warst du denn so lange? Wir mussten die Türe leider verschließen, obwohl du nicht da warst. Geht es dir gut?“ Daniel setzte sich auf den Sessel ihm gegenüber und bemerkte: „Du sahst schon mal besser aus. Nächstes Mal stellst du dir den Wecker, damit du wieder rechtzeitig bei uns bist.“ Toni hätte ihm am liebsten ein gequältes Lächeln geschenkt, aber dafür hatte er zu starke Schmerzen. „Ich mache mir wirklich Sorgen um ihn. Das letzte Mal, als er dem Mond vollkommen ausgesetzt war, da sah er noch nicht so schlimm aus. Als ob es für seinen Körper von Mal zu Mal immer schwieriger wird, die Verwandlung durchzustehen.“ überlegte Steve. Daniel setzte sich neben Toni auf das Sofa, massierte seine Rückenmuskulatur und meinte: „Das sollte dir etwas helfen. Steve besorgt dir gleich eine Schmerztablette, und wenn du den Tag über geschlafen hast, dann wird es dir morgen oder übermorgen wieder gutgehen.“
Toni war, bis auf den einen Satz, kaum dazu in der Lage gewesen überhaupt großartig zu kommunizieren. Aber Tiffany hatte ihn gesehen, wie er sich verwandelt hatte. Dies war nicht Sinn und Zweck gewesen, dass er ihr zuvor noch gesagt hatte, dass sie fern bleiben sollte. Die Geschichte mit Daniels Geburtstag hatte Steve zwar schnell erfunden, aber anscheinend hatte es sie doch nicht davon abgehalten zu kommen. Verdammte neugierige Frauen. Dann bemerkte er, dass Daniel seinen Rücken und Nacken massierte. So wie dieser Mann die letzten Wochen drauf war, so mies gelaunt, dass alle Welt sich vor ihm in Sicherheit bringen musste, hätte er das nicht für möglich gehalten, dass er sich um ihn kümmerte. Dafür gab es zwei Gründe. Der erste Grund war, dass Daniel für seine Verhältnisse wieder normal war, was eher unwahrscheinlich ist. Der zweite Grund, dass Toni so verdammt elendig aussah, dass es sogar Daniels Herz berührte und er sich um ihn sorgte. Verdammt war ihm schlecht. Und wenn er nur mindestens so aussah, wie er sich fühlte, war es kein Wunder, wenn Daniel auf einmal so hilfsbereit wurde. Aber das war das einzig Beständige an seinem Freund. Sofern er gebraucht wurde, konnte man sich auf ihn immer verlassen. Er würde, egal wie mies er drauf war, seine Freunde nie im Stich lassen.
Steve kam mit einer der stärkeren Schmerztabletten und einem Glas Wasser auf Toni zu. Doch er fühlte sich nicht wirklich in der Lage dazu, selbstständig die Pille zu schlucken, geschweige denn das Glas festzuhalten. Daniel klopfte ihm bei der Massage auf den Rücken und sagte: „Wir wissen, dass es wehtut. Aber du brauchst das Zeug jetzt.“ Steve bat: „Mach den Mund auf und ich werde dir die Tablette auf die Zunge legen. Versuch sie selbst zu schlucken und dann helfe ich dir mit dem Wasser.“
Daniel hörte mit der Massage auf und Toni öffnete den Mund so gut es eben nur ging. Selbst die Kiefermuskeln waren so verkrampft, dass er das Gefühl hatte, dass sich die Haut vom Kopf nach unten zog, sobald er auch nur versuchen würde, den Mund zu öffnen. Aber es musste sein, denn so konnte er nicht den ganzen Tag aushalten, bevor es auch nur ein wenig besser wurde. Steve legte wie versprochen die Pille auf die Zunge und er versuchte zu schlucken. Verdammt, sein Rachen war so trocken, dass das Ding auf halbem Wege stecken blieb. Er fing an wie verrückt zu schlucken, was ihm nur noch mehr Schmerzen verursachte. Steve setzte das Glas Wasser an seine Lippen und goss das erfrischende, kühle, nasse Zeug langsam in seinen Mund hinein. Er schluckte schnell, aber trotzdem nicht zu hastig, bis endlich die Pille in seinem Magen verschwunden war.
Daniel stand vom Sofa auf, legte Toni sachte wieder auf ein Kissen und sagte mit ruhiger Stimme: „Ich werde bei dir bleiben, falls du noch etwas brauchen solltest.“ Dann setzte er sich auf den Sessel auf der anderen Seite des Tisches und saß einfach ruhig da. Toni fing am ganzen Körper an zu zittern wie Schüttelfrost, nur dass es davon kam, weil jeder einzelne Muskel noch so verkrampft war, dass er wie eine Gitarrensaite gespannt war. Steve sagte leise: „Es wird dir bald besser gehen. Ich muss leider noch einmal weg, aber wenn etwas ist, dann gehe ich sofort an mein Handy.“
Toni mochte seine Freunde sehr gerne. Doch auf einmal kam ihm Tiffany wieder in den Sinn. Was mag sie wohl gedacht haben? Ob er ihr irgendwie Angst gemacht hatte? Toni war froh, dass er wenigstens denken konnte, ohne damit noch mehr Schmerzen zu verursachen. Solange er ruhig liegen blieb und weder den Mund noch die Augen zu bewegen brauchte, waren die Schmerzen halbwegs erträglich. Sprechen tat ihm sehr weh, also beschäftigte er sich klugerweise nur mit seinen Gedanken, bevor die Schmerztablette ihn etwas ruhiger machte, dass er schlafen konnte, bis es seinem Körper wieder besser ging.
Sehr spät am Nachmittag wachte Toni auf. Doch er riss nicht direkt die Augen auf, sondern er versuchte zunächst auszumachen, wo er noch Schmerzen empfinden konnte. Als er nichts spürte, bewegte er den Zeigefinger leicht. Anscheinend waren die Schmerzen noch vorhanden, aber nicht mehr so stark. Vielleicht sollte er versuchen die Augen zu öffnen. Er hörte neben sich ein Geräusch. Anscheinend war es Daniel, der in einem Buch blätterte. Am liebsten hätte Toni gelacht, denn Bücher waren das Letzte, was Daniel anfassen würde. Aber das hätte ihm große Schmerzen verursacht. So ganz war er noch nicht wieder heil. Langsam öffnete er ein Auge, bis er feststellte, dass es viel einfacher wäre und nicht zu verkrampft, beide Augen gleichzeitig zu öffnen, aber langsam. So tat er es auch und er war überrascht, dass er noch einigermaßen scharf sehen konnte. Wenn auch zunächst nur an die Decke. Solange er sich nicht bewegte, würde der Kopf nicht wieder anfangen zu schmerzen. Sollte er es wagen und Daniel ansehen, wie er ein Buch las? Vorsichtig hob er zunächst die Hand, um zu schauen, ob die dortigen Muskeln noch schmerzten. Dann hörte er, wie sich ein Körper aus dem Sessel erhob, eine Hand wurde ihm auf die Augen gelegt und eine Art Zischen war zu hören. Vermutlich sollte das heißen, dass Toni ruhig bleiben sollte und sich lieber noch etwas entspannen. Besser wäre das, dachte er bei sich, ließ die Hand ruhig sinken und schloss die Augen.
Irgendwann wurde Toni wieder wach und öffnete erneut langsam die Augen. Es war längst dunkel und neben ihm leuchtete eine Art Nachttischlampe. Wie mitfühlend seine Freunde doch waren. Sie wussten, das helle Licht würde ihn blenden und somit wieder Schmerzen bereiten. Also, sein Kopf fühlte sich etwas entspannter an und die Augen konnte er sogar bewegen, ohne dass ihm das im Nacken schmerzte. Soweit so gut, dachte er sich. Vorsichtig bewegte er den Fuß. Auch die Beinmuskulatur war schon erheblich besser. Die Finger, die unter einer leichten Decke versteckt waren, ließen sich auch ohne Krämpfe bewegen. Also war es ein Versuch wert, mal zu fragen, wie lange er denn schon wieder geschlafen hatte. Er bewegte die Zunge in seinem Mund und es fühlte sich einigermaßen normal an. Was hätte er darum gegeben, wenn dieses Körperteil gut funktioniert hätte, als er die Pille schlucken musste. Langsam öffnete er den Mund und es fühlte sich zum Glück nur noch nach Muskelkater an. Der würde sich noch ein paar Tage halten, aber wenn das alles war, dann konnte er damit zunächst besser leben.
So fragte er leise: „Wie spät ist es?“ Und es funktionierte, ohne dass sein Kopf hämmerte wie ein Bauarbeiter auf Drogen. Eine Stimme flüsterte: „Nicht erschrecken, bitte.“ Er wollte gerade den Kopf drehen, da hörte er, wie jemand an das Sofa ging und kurz darauf sah er Tiffany vor sich stehen. Sie streichelte sachte über seine Stirn und sagte: „Ich habe mir solche Sorgen gemacht. Aber jetzt scheinst du über den Berg gekommen zu sein.“ „Wo ist Daniel?“ wollte er wissen. Hatte sie etwa Daniel abgelöst? War sie ihm begegnet? Wie hatte er reagiert? Tiffany reichte ihm ein Glas Wasser und fragte: „Kannst du es alleine? Oder soll ich dir helfen?“ Toni sagte leise: „Nein, will nicht. Wo ist Daniel?“ „Du solltest aber etwas trinken. Willst du austrocknen?“ meinte sie und deutete mit ihren Augen wieder auf dieses dumme Glas Wasser.
Er hatte zwar ein wenig Durst, jedoch traute er sich noch nicht, sich komplett aufzurichten. Er hatte vor den Schmerzen Angst. Und im Liegen würde er sich garantiert verschlucken. Doch wie konnte er jetzt, in diesem Zustand, ihr laut und deutlich begreiflich machen, dass er noch nicht dazu bereit war für dieses dämliche Wasser? Er wollte verdammt noch mal wissen, ob sie Daniel gesehen hatte und was er gesagt hat.
So dachte er darüber nach, wie er es in kurzen knappen Worten formulieren konnte, dass sie ihn in Ruhe lässt und endlich seine Frage beantwortet. Also sagte er leise: „Gleich erst Wasser. Daniel?“ Tiffany grinste ihn an und antwortete: „So, du möchtest also noch nicht trinken. Und du willst wohl liebend gerne wissen, ob ich mit Daniel gesprochen habe. Nun ja, als ich dich gestern Abend gesehen habe, da bekam ich zunächst einen riesigen Schreck. Man sieht ja nicht häufig, wie sich der beste Freund in einen Werwolf verwandelt. Ich hatte Angst um dich, Toni. Ich konnte deine Schmerzen sehen und wollte dir helfen. Aber dann sah ich nicht einmal Steve. Auf mein Klingeln an eurer Türe hat auch niemand reagiert. Also hielt ich es für sinnvoll, erstmal nach Hause zu fahren. Doch ich konnte nicht schlafen. Mir ging so viel durch den Kopf. Vampire zu sehen war ja schon befremdlich. Aber meinst du nicht, du hättest mir die Wahrheit sagen können, wenn ich doch schon Blutsauger gesehen habe? Dann hättet ihr auch nicht die Lüge mit der Stripperin erfinden müssen. Und ich wunderte mich die ganze Zeit, warum du am Geruch Vampire erkennen kannst. Wie blöde ich doch war, als ich immer meine Nase in die Luft gehalten habe, um etwas zu riechen. Aber du als halber Wolf hast ja ganz andere Geruchsknospen. Und das erklärte mir dann auch warum, in dieser Nacht, als du meintest, der Vampir würde dich riechen. Und ich hätte deinen Geruch an mir. Wahrscheinlich hätte er dich als Werwolf erkannt. Und das wusstest du und hast mir es nicht so erklärt, dass ich mit dieser Antwort leben konnte. Ja und dann bin ich heute Morgen wieder hierhin gekommen und wollte mit dir reden. Steve kam mir entgegen und sagte, dass ich vorerst nicht kommen sollte. Er würde mich aber anrufen, sobald es dir besser geht. Und als der Anruf kam, fragte er mich, ob ich ihn ablösen könnte, um auf dich aufzupassen. Daniel musste schon vorher fort. Wohin weiß ich nicht, aber Steve sagte mir nachher, dass er selbst gekündigt wird, wenn er nicht sofort zu den Aufnahmen fährt. Somit habe ich hier gewartet und über dich gewacht.“
Wenn er gekonnt hätte, wäre er aufgesprungen, sich danach vor sie hingekniet, ihr zunächst für alles gedankt, sich dann tausendmal dafür entschuldigt, dass er ihr nicht genug vertraut hat und sie nur angelogen hatte. Zumindest was den Part des Werwolfes anging. Aber es kostete ihn Mühe den Kopf zu heben, sie anzuschauen und zu sagen: „Danke! Sorry!“ Tiffany stellte sich vor ihn und fragte: „Soll ich dir behilflich sein dich aufzurichten, damit du jetzt etwas trinken kannst?“ „Ja!“ hauchte er.
Sie nahm vorsichtig eine Hand von ihm, ihren Arm legte sie unter seinen Rücken und hob langsam an. Er machte mit, so gut es eben ging. Sobald er aufrecht saß, drehte sich das Zimmer um ihn herum. Es dauerte ein kleines bisschen, bis wieder alle Möbel dort standen, wo sie hingehörten. Sie hielt ihm das Glas an seine Lippen und er öffnete den Mund, damit sie das Wasser in ihn laufen lassen konnte. Doch sie zitterte leicht, wahrscheinlich, weil sie es noch nie machen musste, jemanden so zu versorgen. Er nahm eine Hand in die Höhe und hielt damit ihre zittrige Hand fest. Erstaunlicherweise klappte es ganz gut. Nachdem er getrunken hatte, fühlte sich sein Rachen auch nicht mehr so trocken und klebrig an. Die Schmerzen waren außerdem überall am Körper nur noch Muskelkater und er empfand sich als einigermaßen wiederhergestellt. So schaute er Tiffany an und konnte ihr tatsächlich ein leichtes Lächeln schenken.
Sie sagte, nachdem sie sich in den Sessel gesetzt hatte: „Ich habe natürlich Steve direkt darauf angesprochen, ob er weiß, dass du zum Werwolf wirst. Selbstverständlich konnte ich das erahnen, denn wer sich eine Stripperin ausdenkt, weiß gewiss, dass sich der Freund in einen Werwolf verwandelt. Aber so wollte ich, dass er mir die Wahrheit sagen musste. Und gleichzeitig habe ich ihn somit informiert, dass ich dich gesehen habe. Also war weiteres Lügen nicht erforderlich. Er hat mir gesagt, dass du normalerweise im Keller eingeschlossen bist. Und du nur deshalb so starke Schmerzen hast, weil sich praktisch jeder Knochen und jeder Muskel, für eine Nacht verändert. Er sagte mir auch, dass du ein extrem starkes Schmerzmittel bekommen hast und du bis Sonnenuntergang sehr wahrscheinlich nicht wieder wach bist.“
Toni war so froh zu sehen, dass Tiffany keine Angst vor ihm hatte oder er sie nicht zu Tode erschreckt hat. Und, dass er ihr nichts mehr von alledem erklären musste, weil sie die Puzzlestücke selbst zusammengesetzt hatte. Er fühlte sich wohl bei dem Gedanken, dass sie an seiner Seite war, wie davor Steve und Daniel. Da schreckte er etwas auf, weil ihm sein mürrischer Freund in den Sinn kam. War er wieder normal oder hatte er das nur gemacht, weil es Toni so schlecht ging? Steve würde so bald wegen der Filmaufnahmen nicht wiederkommen, aber Daniel könnte sehr wahrscheinlich in Kürze da sein. Nun hatte er ein Problem. Klar wollte er, dass Tiffany seinen Freund mal kennenlernt, allerdings nur, wenn er genau wüsste, dass er sich in ihrer Gegenwart zu benehmen weiß. Und diese Lage wollte er zunächst abgeklärt haben, bevor er die beiden aufeinander loslassen würde. Doch wie sollte Tiffany erst einmal wieder verschwinden?
Mit flehenden Augen schaute er sie an und sagte: „Danke, aber geh jetzt bitte nach Hause.“ „Du kannst ja wieder besser reden. Das freut mich.“ bemerkte sie und lächelte. Am liebsten hätte er die Augen verdreht und es lauter und deutlicher gesagt. Aber er wollte ihr nicht wehtun. Also sagte er noch einmal: „Ich komme schon klar. Geh schlafen.“ „Ich habe Steve versprochen, bei dir zu bleiben. Und deshalb verzichte ich diese Nacht auf meinen Schlaf.“ meinte sie und verschränkte die Arme vor der Brust. Toni setzte alles auf einen gekonnten Hundeblick. So schaute er sie liebevoll an und sagte leise: „Bitte Tiffany, geh nach Hause.“ „Nein, ich werde hier auf dem Sessel schlafen, wenn es nötig sein sollte.“ meinte sie und versuchte sich noch etwas bequemer in den Sessel zu setzen.
Genervt wurde Toni pampig und bat: „Gib mir bitte mein Handy.“ Sie stand auf und drückte es ihm in die Hand. Danach fragte sie: „Was willst du denn jetzt plötzlich?“ Toni log: „Ich habe einen ganzen Tag verpasst. Ich muss schauen, ob es Neuigkeiten gibt.“ Die Finger wollten noch nicht so ganz wie er, aber schließlich schaffte er es, an Steve zu schreiben, dass er Daniel zwar sehr dankbar ist, aber Steve versuchen sollte, ihn von Tiffany fernzuhalten. Dann schrieb er Daniel und fragte ihn, wo er denn die Nacht über sein würde, weil es ihm schon sehr viel besser geht. Er hoffte von beiden bald eine Antwort zu erhalten. Tatsächlich machte er sich mehr Sorgen um seine Freundin, als um sich selbst. Wenn Daniel wieder so eine Phase hatte, wo er wütend nach Hause kommt, dann würde er diese tolle Frau nur vergraulen oder ihr Angst machen. Und Toni erahnte leider noch nicht, ob sie wusste, dass Steve und Daniel auch Werwölfe waren. Und sie sollte besser nichts mit einem grimmigen Mann zu tun haben, aber noch weniger mit einem zornigen Werwolf.
Kapitel 2
Am Morgen nach der Vollmondnacht streckte Ronald all seine Glieder auseinander und machte ein paar gymnastische Übungen. Diese verdammte Nacht war überstanden und er fühlte sich zwar nicht hundertprozentig fit, allerdings war es schon einmal schlimmer. Er machte die Kellertüre auf, ging in die Küche und stellte die Kaffeemaschine an. Der nächste Griff war der zu seiner Pfeife. Er war gewiss nicht süchtig nach dem Tabak, aber er rauchte gerne, wenn er sich konzentrieren musste oder um den Kopf während einer Pause wieder frei zu bekommen. Und nach dieser langen Nacht musste er zunächst einmal zur Ruhe kommen. Er öffnete die Türe zu seiner Terrasse, setzte sich dort auf einen bequemen Stuhl, ließ die Morgensonne auf seine Haut scheinen und schaute dem Qualm hinterher.
Erst als er wie gehabt die Ruhe selbst war, ging er in die Küche zurück, denn der Kaffee war fertig und er wollte nach einer ersten Tasse Kaffee an die Arbeit gehen. Vielleicht hatte der Computer auch schon die Auswertung vollendet. Langsam trug er die Tasse zu seinem Schreibtisch und schaltete den Bildschirm an. Das Ding war tatsächlich die Nacht über fertig geworden. Und er hatte es verpennt. Dann sah er sein Handy hektisch blinken. Anscheinend hatte er noch mehr versäumt. Aber im Keller hatte er eh keinen Empfang, da der Raum in solchen Nächten für seine Sicherheit sorgte. Er schaute auf das Display und sah einige verpasste Anrufe von Christine. Mehrmals hatte sie ihm wohl auch auf den Anrufbeantworter gesprochen, nachdem sie außerdem ein paar Nachrichten geschickt hatte. Sie wollte in den ersten Malen nur wissen, ob er schon etwas entdeckt hatte. In den Folgenden dann, ob es ihm gutgehen würde, da sie sich langsam Sorgen um ihn machte. Sie war ja so nett, dass sie sich um ihn sorgte, wo sie doch lieber den freien Tag mit ihrem Freund genießen sollte. Was konnte er ihr denn nun antworten, ohne ihr auf die Nase zu binden, dass er nicht mit ihr sprechen konnte, da er versuchte sich nicht in einen Werwolf zu verwandeln? Also schrieb er ihr eine Nachricht, dass es ihm gutgeht, er die letzte Nacht sein Handy überhört hatte, und er sich später melden würde, da gerade sein Computer etwas Wissenswertes ausgespuckt hatte. Das sollte sie von weiteren Fragen ablenken.
All die gefundenen Zeichen an den kleinen Kisten, wo die Punkte miteinander verbunden waren, hatte er am Vortag in den Computer eingegeben, nach Wiederholungen gesucht und nach einem Schema. Und nun saß Ronald vor dem Bildschirm, trank aus seiner Tasse einen Schluck Kaffee und sah sich nun das Ergebnis an. Christine hatte recht, es war eine zeitliche Trennung gewesen. Eine Reihenfolge, die nun entschlüsselt wurde. Er überlegte, ob er sie direkt anrufen oder aber noch ein wenig warten sollte. Schließlich hatte er den Kopf immer noch nicht so frei, wie er es gern wollte. Und er musste sehr konzentriert sein, wenn er mit ihr das Ergebnis bespricht. Die letzte Nacht war echt Hölle. Zwar hatte er es im Keller gut überstanden, nicht in einen Werwolf verwandelt zu werden, da der Mond sehr gut dort ausgeschlossen wurde, aber dafür quälten ihn andere Sachen. Er hasste die Vollmondnächte. Früher, als er noch keinen Rückzugsort hatte, um der Verwandlung zu entgehen, hatte er tagelang Schmerzen gehabt. Und niemand war für ihn da, um ihm in der Zeit beizustehen. Er war immer alleine gewesen. Und nun hatte er zum Glück keine Beschwerden, also zumindest so lang nicht, wie er diese Nächte im finsteren Keller verbrachte. Und darin lag das Problem, denn er war ein freier Mann, der gerne an der frischen Luft hockt und nicht eingesperrt sein will. Handyempfang war in dieser Art Bunker unmöglich. Und so saß er in dieser einsamen, trostlosen Dunkelkammer alleine fest und konnte nicht einmal mit der Außenwelt kommunizieren. Mit Freunden, die er nicht hatte. Naja, jetzt war Christine eine Freundin geworden. Und eine Verehrerin hatte er auch. Für Tiffany interessierte er sich aber nicht wirklich. Erstens, weil sie bestimmt keinen Werwolf hätte haben wollen, zweitens, weil sie eh nicht mit ihm klarkommen würde, auch wenn er ein normaler Mann gewesen wäre. Also zumindest so normal, dass ihm keine Wolfsschnauze wächst. Sein Hirn war ja immer noch da und analysierte alles, was es konnte. Und dann gab es da noch Bella. Die einzige Frau, die wusste, was er war. Das lag jedoch daran, dass sie sich selbst bei Vollmond in einen Werwolf verwandelte. So konnte er zwar mit ihr darüber reden, aber in solchen Nächten war sie selber damit beschäftigt gewesen sich nicht zu verwandeln oder die Schmerzen erdulden zu müssen. Und daher quälte ihn, gerade in diesem finsteren Keller, diese Einsamkeit. Wenn er mit Bella ein Paar gewesen wäre, dann würden die beiden ihre Zeit gemeinsam in diesem Bunker verbringen. Sie könnten sich gegenseitig Halt geben und miteinander sprechen. Aber sie waren kein Paar. Und sie würden es niemals werden. Trotzdem verstanden sie sich schon seit einigen Jahren sehr gut, obwohl sie so verschieden waren, wie es nur ging. Bella war eher aufbrausend, hatte einen Verehrer nach dem anderen, spielte mit ihnen wie ein Hund mit seinem Ball. Verteidigte ihr Revier, wenn sie etwas für sich alleine haben wollte, konnte dabei richtig bissig werden. Dabei war sie eine attraktive Frau, wie es sich die meisten Männer wünschten. Groß, blonde lange Haare, schmalere Figur, aber wohl proportioniert, mit blauen Augen. Sofern die Männer alle nur in ihr so lesen könnten, wie Ronald es vermochte, würden sie nicht auf ihr hübsches Gesicht hereinfallen. Natürlich war Bella eine sehr gute Freundin, sonst würde er nicht ab und zu mit ihr reden wollen, bloß sollte man sie nicht verärgern.
Ronald ging durch die Morgensonne spazieren. Er liebte es, sich nach solch einer Nacht an der frischen Luft zu bewegen. Er war wieder frei und konnte die Wärme der Sonne auf seiner Haut spüren. Es tat so gut und wischte scheinbar alle seine trüben Gedanken davon. Ihm kam ein verliebtes Pärchen entgegen, die eng umschlungen die Straße entlang schlenderten. Ja, in solchen Zeiten, wenn er versuchte sich von allem Negativen zu lösen, und sein Hirn mal eine Pause machen sollte, da schrie sein Herz lauter als alles andere. Normalerweise war er sehr mit Problemen, Rätseln und Forschen beschäftigt und dachte nur logisch und rational. Aber gerade in Vollmondnächten, wo sein Hirn keinerlei Reize bekommt, wenn er in dem dunklen Keller eingesperrt ist, fühlte er sich einsam. Und solange sein logisches Hirn noch im Ruhemodus war, konnte das Herz ja so viel lauter schreien als alles andere. Er hätte sich am liebsten mit ausgebreiteten Armen irgendwo auf einen Hügel gestellt und gerufen, dass er alleine ist, und sein Herz ihn doch bitte in Ruhe lassen sollte. Tatsächlich setzte anschließend meistens der Verstand ein, der ihm sagte, dass er dann in einer Zwangsjacke wieder eingesperrt enden würde. Und somit ist er noch nicht einmal vor dem Mond geschützt.
Getrieben von seiner inneren Sehnsucht nach einer passenden Partnerin, fing er plötzlich an zu laufen. Immer schneller und pausenlos weiter, bis ihm letztlich irgendwann die Luft ausging und er nicht mehr konnte. Schließlich schaute er sich um und versuchte anhand winziger Details festzustellen, wo er genau war, denn während er lief, hat er absichtlich nicht geschaut, wohin genau. So hatte das Hirn auf einmal erneut Arbeit, indem er schauen musste, wie er wieder nach Hause kam. Das Herz wurde endlich stiller und der erste Schub der großen Einsamkeit war vorbei. Ab diesem Zeitpunkt fühlte er sich wie der Herr der Lage. Nun war er wieder dazu fähig, frisch an die Arbeit zu gehen. Und er hatte knapp einen Monat Zeit, bis der nächste verdammte Vollmond ihn erneut in sein dunkles Gefängnis zwingt. Ronald verfluchte den Tag, an dem er zum Werwolf wurde. Das Problem war nur, dass er nicht einmal wusste, wann das gewesen war. Wenn man den Filmen nach zu urteilen hatte, dann wurde man von einem anderen Werwolf gebissen oder verwundet. Doch dort hatten alle Leute keinen Gedächtnisverlust, so wie er oder auch Bella. Sie beide wussten nicht, was sie zum Werwolf gemacht hatte. Als ob mit der ersten Verwandlung auch etwas im Hirn geschehen war. Er merkte, wie seine Gedanken wieder abdrifteten. So suchte er sich einen Punkt in der Stadt aus, an dem er festmachen konnte, wo er sich befand. Alles klar, dachte er, da hinten war die Eisdiele. Das ging ihm viel zu schnell. Er hatte den Eindruck gehabt, mindestens in die nächste Stadt gelaufen zu sein, aber anscheinend wurde er auch älter und konnte nicht mehr so weit laufen, bis ihm die Puste ausging. Nun wusste er, wie er wiederum sehr schnell nach Hause kommen konnte. Er brauchte unbedingt etwas anderes um sein Hirn zu beschäftigen, damit das Herz nicht mehr so laut schrie. Also schaute er die Leute an und analysierte ihr Verhalten. Doch anders als sonst brachte ihm es diesmal nicht viel. Das Herz behielt leider immer noch die lautere Stimme. Er musste so schnell wie möglich zurück nach Hause und an der Entschlüsselung der Kisten arbeiten. Das war zu der Zeit das Einzige, mit dem er sich ausreichend beschäftigen konnte.