Siegburger Michaelsberg und seine Geheimnisse (Recherche für den neuen Roman)
Nun, wo soll ich anfangen? Ich versuche beim Schreiben meine Ideen aus Träumen zu einem Plot zu verarbeiten. Meine Protagonisten machen daraus das Beste und kommen auf eine Story, an die ich nicht gedacht habe. Aber trotz aller Fantasie möchte ich meine Fiktionen lieber irgendwie logisch erklärt haben. Daher habe ich für meinen neusten Roman Recherche betrieben. Zwar erst nach der fertigen Geschichte, aber es überrascht mich immer wieder, dass ich mit meiner Vorstellungskraft nah an die Realität komme.
So war ich auch abschließend vor der letzten Überarbeitung doch noch einmal persönlich an den Schauplätzen, wo es spielt. Am Kölner Dom, im Siebengebirge und auch in Siegburg an der Abtei und auf dem Michaelsberg, der liebevoll in der Gegend Michelsberg genannt wird.
Schon lange war ich fasziniert von dem Johannistürmchen, was am Hang hervorsteht und gut sichtbar ist. Zum Beispiel wenn ich im Zug sitze kurz vor der Einfahrt zum Bahnhof oder wenn ich mit der Straßenbahn nach Siegburg fahre. Ich liebe den Anblick sehr.
Mein Vater hat früher wohl öfter davon gesprochen, dass er am Michelsberg als Kind in einer Höhle gespielt hat. Lange Zeit war diese Information nicht für mich greifbar. Ich hatte es schlichtweg vergessen. Doch nun wurde ich an diese Geschichten erinnert. Leider kann ich meinen Papa nicht mehr fragen, aber es gab dort früher tatsächlich Höhlen, in denen sich sogar Leute im Krieg versteckt haben. Es soll dort auch von der Abtei einen unterirdischen Fluchttunnel gegeben haben. Ich finde ja so alte Geschichten richtig spannend. Mein Vater hatte mich, als ich selbst ein Kind war, öfter dorthin auf den Spielplatz gebracht. Wir sind auch den Berg hinauf gegangen. Aber diese Höhle hatte ich nie erblickt.
Später war ich mit meinem damaligen Partner oben auf dem Berg. Zu einer Zeit, als der Neubau nicht mal in Planung war. Gemeinsam sind wir zum Johannistürmchen gegangen und schauten in die Ferne. Das Gefühl, was ich damals an jener Stelle hatte, habe ich auch in meinem Roman „Ahnenforschung mit Sherlock Holmes“ eingebaut. Dieses Buch berichtet ohnehin ziemlich viel von meinem Leben. Zum Beispiel, wie die Protagonistin auf die Ahnenforschung gekommen ist.
Nun war ich vor einer Woche endlich wieder auf dem Michelsberg, obwohl mein Roman im Jahr 2015 spielt, als der Umbau noch nicht angefangen hatte. Ich bin nicht gerade ein Fan des Neubaus, aber alles andere wurde gut aufgebaut. Ich war letzte Woche tatsächlich dankbar, dass die Wege zum Türmchen schön befestigt und gesichert waren. Damals gab es nur Geländer aus Holz, die nicht gerade vertrauenswürdig aussahen. Mit Höhenangst ist das früher eine Herausforderung gewesen. Dies ist ein Pluspunkt in der jetzigen Zeit.
Für meinen Roman musste ich allerdings so denken, wie vor 11 Jahren. Zum Glück hatte ich selbst noch alte Bilder aus der Zeit. Meine Idee für den Plot kam da ja bereits. Von daher war die Recherche nicht so wild. Ist eben ein Heimspiel für mich gewesen. Dennoch war ich fasziniert von den Geschichten, die sich um den Michelsberg drehten. Wie gesagt, die alten Geheimtunnel und auch der Annoschrein, von dem ich auch eine witzige Anekdote aus meiner Kindheit habe.
Als Kind stellt man sich die Dinge immer anders vor. Zumindest ich. Manche Sachen habe ich auch nicht begriffen. Zum Beispiel, warum ich in der Schule immer an der Seite so komische Zahlen schreiben musste. Ich wusste, dass ich Geburtstage hatte, aber hatte keine Ahnung, was ein Datum ist. Oder in einem Lied hieß es, dass jemand seine Sinne verloren hat. Wie sollte ich das als Kind wissen? Ich stellte mir vor, es wäre eine Art Plastikarmband, was jemand verloren hat. Und genauso verhielt es sich mit dem Annoschrein. Mein Lehrer sagte damals, dass dort in der Abtei der Anno begraben liegt. Und was habe ich mir vorgestellt? Dort in dem Turm ist oben ein Zimmer, wo extra ein Haufen Erde angeschüttet wurde, wo dann der Sarg eingegraben wurde. Ja, Kinder sind witzig. Vor allem ich als kleines Mädchen.
Nun, ich wollte ja von Geheimnissen berichten. In Ordnung. In meinem Roman gibt es ein weiteres Geheimnis um Sherlock Holmes. Was genau, das werde ich nicht verraten, denn sonst werdet Ihr gespoilert. Auf jeden Fall liegt unter dem Johannistürmchen in meinem Buch etwas vergraben. Mehr sage ich nun nicht, sonst ist es wirklich fies.
Auf jeden Fall fühle ich mich durch meinen neuen Roman etwas mehr mit Siegburg und dem Michelsberg verbunden. Früher war der Berg mit der Abtei einfach von weitem zu sehen. Danach dachte ich immerzu an den Spielplatz. Ich gehe auch jedes Jahr auf den mittelalterlichen Weihnachtsmarkt auf dem Marktplatz direkt neben dem Berg. Doch jetzt denke ich beim Anblick der Abtei und des Johannistürmchen immer an meinen Roman und die Geschichte dahinter. Seufzend bin ich dann irgendwie mitten in meinem Buch. Zumindest in Gedanken. Es ist, als würde ich all das, was ich geschrieben habe, auch tatsächlich erlebt haben. Ich weiß, es ist schwer nachvollziehbar, zumindest für manche Leute, aber ich lebe immer meine Geschichten. Irgendwie sind sie ein Teil von mir. Ich habe nur Angst, dass ich im Alter mein wahres Leben mit den Büchern vermischen könnte. Wenn ich zu meinen Erben sage: „Ich weiß noch, als wäre es gestern, dass mich dieser gutaussehende Vampir zum Tanz aufgefordert hat.“ So etwas könnte tatsächlich sein. Gibt es schon gealterte Autoren, denen das passiert ist? Vielleicht spricht man auch nicht darüber, aber in meinem Fall könnte es passieren.
Ja, so könnte es auch sein, dass ich tatsächlich von Sherlock Holmes am Michelsberg sprechen werde.