Der sicherste Platz ist hinter einem Buch. Ist das wirklich wahr?
Nun gut. Eigentlich kann einem nichts passieren, wenn man sich hinter einem Buch versteckt. Zumindest nicht, solange nichts Katastrophales geschieht, was selbst die Sitzgelegenheit unter einem in Wanken bringt.
Eigentlich ist man im Bett oder auf dem Sofa am sichersten. Zumindest relativ. Auch da gibt es Abweichungen. Es kommt immer auf die Region an und die Beschaffenheit der Umgebung. Aber dort ist man nicht dem Straßenverkehr ausgesetzt, wie zum Beispiel im Bus. Obwohl dort ein sehr schöner Ort zum lesen ist, wie ich selbst finde. Die leichten Vibrationen unter dem Hintern, das Brummen des Motors, die Wiegebewegungen der Karosserie und wenn man Glück hat, auch keine lauten Stimmen um einen herum. Klappt nicht immer, aber bei mir oft. Trotzdem kann ich das auch manchmal überblenden. Es kommt dann auf den Inhalt des Buches an. Bei einem spannenden Thriller ist mir die Lautstärke um mich herum egal. Da bin ich mitten drin. Stattdessen lasse ich mich bei einem Sachbuch zur Recherche lieber ablenken. Das ist dann wie Hausaufgaben machen. Ein lästiges Übel. Natürlich kann das auch spannend sein, aber sobald ich etwas lernen will oder soll, driftet mein Hirn dann zu meinem nächsten Projekt ab.
Das ist ja das Schöne an richtigen Romanen. Man ist dann mit dem Helden der Geschichte unterwegs, zieht mit ihm durch die Gefahren, bleibt dabei aber unversehrt. Keine Verletzungen tragen wir dann davon. Zumindest keine körperlichen. Wir fiebern mit, es weckt in uns Gefühle, vielleicht lernen wir sogar die ein oder andere Sache aus dieser Reise, vielleicht erfahren wir auch etwas über uns selbst, oder wir nehmen es einfach so hin.
Die Menschen sind verschieden. Es kann sein, dass das Lesen manche Menschen richtig fesselt und auch die Gefühle rüberkommen. Doch manche sind abgestumpft. Ich kann da nur von mir sprechen. Sobald ich ein Buch lese, will ich entweder mitraten wer der Mörder ist, erlebe romantische Gefühle, finde den männlichen Protagonisten super toll, lasse mich in fremde Welten ziehen und lache auch an witzigen Stellen.
Bei dem Schreiben geht es mir genauso. Meine Finger fliegen über die Tasten. Ich habe eine Szene vor Augen, die manchmal erst während dem Schreiben dort auftaucht. Meine Finger gleiten über die Tastatur und ich erlebe alles aus erster Hand mit, als ob ich es selbst erfahren habe. Ich sehe die Orte quasi vor meinem Auge, ebenfalls die Protagonisten. Bei einer Liebesszene bin ich halb aus der dritten Perspektive und mal eine der beiden Personen. In dem Moment erlebe ich die Liebesszene mit allen Gefühlen, die ich dann so auf die leeren Seiten schreibe. So tief lasse ich mich hineinziehen, dass es schwer ist, davon wieder loszukommen.
Am schlimmsten ist es, wenn ich einen geliebten Protagonisten oder Nebendarsteller sterben lassen muss oder will, weil es die Situation erlaubt oder verlangt. Es ist dann, als ob ich tatsächlich die große Liebe oder einen Freund verloren habe. Die Tränen laufen dann in Sturzbächen herab und ich fühle mich ein paar Tage mies. Doch die Macht schlummert in meinen Fingern. Ich habe einmal einen Protagonisten sterben lassen und ihn dann später wiedererweckt. Es passte auf einmal zu gut in die Handlung und ich war froh, dass er zurück war.
Daher stelle ich mir die Frage, ob es hinter einem Buch wirklich sicher ist. Als Leser vermutlich schon, bis auf die Gefühle und den Nervenkitzel, den man dabei erleben kann. Doch als Autorin ist das etwas anderes. Wenn ich wirklich ein paar Tage traurig bin, nachdem ich eine entsprechende Szene geschrieben habe, wenn ich tatsächlich die Bilder in meinem Kopf auch bei der zigsten Überarbeitung immer noch genauso im Kopf habe, dass ich Angst haben muss, irgendwann im Alter Erinnerungen an ein falsches Leben zu haben, was ich dann mische, dann könnte es gefährlich sein. Naja, gefährlich nicht unbedingt, denn ich könnte meinen Nachkommen vielleicht sagen, dass es Vampire gibt, mit denen ich ein paar Dates hatte, oder dass irgendwo ein Schatz versteckt ist, meinetwegen auch, dass jemand anders ihr Vater ist, wer weiß das denn schon? Die Auswirkungen könnten sehr kreativ sein. Als Leserin lese ich ein Buch einmal, vielleicht auch zweimal, aber als Autorin schreibe ich ein Buch, lese es zwanzigmal durch, um Fehler zu suchen und zu überarbeiten. Dann nach den Testlesern und Lektoren auch noch mal zur Überarbeitung und letztem Mal Fehler suchen. Und schon habe ich die Abenteuer im Buch öfter erlebt, als Situationen im realen Leben.
Denkt mal drüber nach. Ihr könnt Euch an Düfte erinnern. Wenn es irgendwo nach Suppe riecht, die Eure Oma oder Mutter immer gekocht hat, steht Ihr in Gedanken bereits dort in der Küche und erinnert Euch an die Zeit. Oder an das Gefühl umarmt zu werden. Dabei rede ich nicht von dem physischen Gefühl, sondern den Emotionen dabei. Das Hirn kann sogar Geschmack hervorrufen, Düfte vorgaukeln, dem Auge was vorspielen, aber die Haut ist das einzige Sinnesorgan, was solch eine Erinnerung nicht zulässt. Einen Kuss als Beispiel spürt man nur, wenn er gerade passiert. Selbst wenn ich daran denke, spüre ich nur das Gefühl im Herzen, aber nicht auf meinen Lippen. Daher ist es danach nur eine Erinnerung. Doch wenn ich Bücher schreibe, dann ist es so, als ob ich jeden Kuss noch einmal erlebe. Es ist wie in einem Traum. Im Traum spüre ich Küsse, obwohl sie nicht da sind. Und mein Schreiben ist wie ein Tagtraum. Sobald ich mitten drin bin, erlebe ich es so, als ob es zu mir gehört. Und daher ist für mich der Platz hinter einem Buch nicht ganz so sicher. Zumindest nicht auf mentaler Ebene. Obwohl es ja auch heißt, dass der Körper kaputt geht, wenn es der Seele nicht gut geht. Ich werde berichten, wenn es vielleicht einmal an der Zeit ist. Noch fühle ich mich körperlich altersentsprechend, obwohl mein Hirn mir vorgaukelt, ich wäre zwanzig Jahre jünger. Vielleicht sind aber genau dies die Nebenwirkungen, die das Schreiben bei mir macht. Im Herzen jung bleiben, um weiterhin über Abenteuer und der ersten Liebe schreiben zu können.